"Ein fantastisches Buch, ein Buch, das mich tief bewegt" – Fritz Stern griff in Princeton zum Hörer, um seinem Freund in Deutschland zu erzählen, was er eben gelesen habe: das Buch von Antje Vollmer über Heinrich von Lehndorff, den die Nazis wegen Beteiligung an der Verschwörung des 20. Juli in Plötzensee hinrichteten.

Der Theologin und grünen Politikerin ist in der Tat ein bewegendes Buch gelungen. Sie spürt dem Leben eines ostpreußischen Adligen nach, der als junger Offizier unter den aktiven Widerständlern in der Wehrmacht eine wichtige Rolle spielte. Für Historiker ist die Quellenlage um den Grafen Lehndorff dürftig; viel Schriftliches gibt es nicht, Zeitzeugen wird man heute vergeblich suchen. Deshalb hat Antje Vollmer auch keine klassische Biografie geschrieben, aber es gelingt ihr, in diesem Porträt nachzuzeichnen, weshalb ein ostpreußischer Rittergutsbesitzer sich entschied, sein Leben aufs Spiel zu setzen, um dem Hitler-Regime ein Ende zu bereiten.

Unvoreingenommen, aber mit tiefer Sympathie, um nicht zu sagen: Liebe, ergründet sie Lehndorffs Leben. Sie ist, wie viele, die sich mit Ostpreußen beschäftigen oder es erleben, dem Mythos dieses besonderen Landes erlegen. Aber das schadet ihrer Arbeit nicht. Denn vor dem Hintergrund seiner ostpreußischen Heimat erklärt sich vieles, was das Leben des Grafen ausmachte: die durch nichts zu erschütternde Heimatliebe, sein unbändiger Freiheitsdrang, das Einssein mit der Natur. "Nie wieder sah ich jemand, der so sehr zu Hause war in seiner Landschaft", schreibt Marion Dönhoff über ihren Cousin Heinrich Lehndorff. Und ein Internatszeugnis bescheinigt dem Schüler: "Er liebt das Land, die Tiere, das Jagen und das Reiten."

Heinrich Lehndorff wurde mit 27 Jahren 1936 Eigentümer eines der schönsten und größten Güter in Ostpreußen, Steinort, am Rande Masurens an einem seiner malerischsten Seen gelegen. Die Lage des Lehndorffschen Besitzes kam der Wehrmachtsführung sehr zupass, als sie 1941 die Front gen Osten eröffnete. Im Mauerwald schlug das Oberkommando des Heeres sein Hauptquartier auf, und in unmittelbarer Nähe, bei Rastenburg, wurde Hitlers Kriegsdomizil, die Wolfschanze, aus dem Boden gestampft. Außenminister Ribbentrop ließ sich mit seiner Entourage im linken Flügel des Schlosses von Steinort nieder. Er genoss die Nähe der gräflichen Familie, schenkte den Kindern Ponys, während Heinrich Lehndorff und seine Frau im rechten Flügel des Schlosses Freunde und Offiziere empfingen, die zum Kreis derer gehörten, die das Attentat auf Hitler planten.

Lehndorffs Entscheidung, endgültig an der Beseitigung Hitlers mitzuwirken, fiel, nachdem der junge Offizier mit eigenen Augen an der Ostfront erlebt hatte, zu welch bestialischen Gräueltaten die SS fähig war. Er spielte fortan eine entscheidende Rolle als Verbindungsmann zwischen den Zentralen des Widerstands in Berlin und an der Ostfront. Lehndorff war beileibe kein intellektueller Kopf, aber er fühlte sich in der Verantwortung und der Tradition eines Landedelmannes sowie Freunden verpflichtet, die wie er meinten, der Tyrannenmord müsse gewagt werden. Im Gefängnis lehnte er Ratschläge ab, wie er sich taktisch verhalten solle: "So ein Mensch bin ich nicht. Ich kann nur geradeheraus handeln."

Gottliebe von Lehndorff war von Anfang an eingeweiht. Mit großem Einfühlungsvermögen erzählt Antje Vollmer vom Leben dieser Frau, von ihrer Tapferkeit und ihrem Schmerz. Der bislang nie veröffentlichte Abschiedsbrief von Heinrich an Gottliebe gibt eine Ahnung vom Geist dieser Liebe.

Antje Vollmer verbindet verschiedenste Zeugnisse zu der spannenden Geschichte einer ostpreußischen Familie, die sich in schwerster Zeit bewährte. Den beiden Lehndorffs setzt sie ein eindrucksvolles Epitaph.