Die Frage: Charlotte und Eberhard haben sich in einem Volkshochschulkurs kennengelernt. Charlotte hat zwei Söhne, die schon volljährig sind. Sie hat lange gebraucht, um eine inzwischen geschiedene Ehe zu verarbeiten. Eberhard hat zwei volljährige Töchter, seine Frau ist an Krebs gestorben, was er nur schwer verwunden hat. Während Charlottes Exmann chronisch untreu war, nimmt Eberhard seine Versprechen und Maßstäbe ernst und ist bemüht, mit Charlotte immer ehrlich zu sein.

So beginnt er die Affäre ganz vorsichtig, entpuppt sich dann aber als aufmerksamer und zärtlicher Liebhaber. Umso mehr betrübt es Charlotte, dass Eberhard nach einem schönen Wochenende plötzlich feststellt: "Vielleicht missbrauche ich dich, weil du für mich ja nie so wichtig werden wirst wie meine erste Frau!"

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Wolfgang Schmidbauer antwortet: Eberhard hat etwas getan, was er sich nicht vorstellen konnte: Er hat sich auf eine neue Liebe eingelassen. Das aktiviert seine zwanghafte Seite. Nun möchte er wieder Ordnung in das Geschehen bringen. Aber Gefühle halten sich nicht an ethische Maßstäbe. In der Folge gerät alles durcheinander. Ich vermute, dass Eberhard ein Schuldgefühl gegenüber der Toten abwehrt.

Er hat ein schlechtes Gewissen, wenn er sie an Charlottes Seite zeitweise vergisst. So versucht er, der Verstorbenen etwas zu geben, was diese nicht braucht, und Charlotte vor einem Missbrauch zu bewahren, der gar nicht stattfindet. Charlotte sollte eher sehen, dass Eberhard fürchtet, sie zu viel zu lieben, als sich von dem Vorrang beeinträchtigen zu lassen, den er seiner ersten Liebe einräumen möchte.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE.

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