Eine seltsam entrückte Gegend ist das hier. Das Jüdische Museum von Daniel Libeskind liegt gleich um die Ecke, auch zu den beliebten Kunstquartieren in Mitte oder Wedding ist es nicht weit. Und doch wirkt ein Besuch in der Berlinischen Galerie, dem Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, wie die Rückkehr in eine fremd gewordene Moderne. Dieser Teil Kreuzbergs war einst ungemein dicht besiedelt, dann kam der Krieg, dann die Teilung, die mitten hindurchlief durch die Alte Jakobstraße. Dort liegt das Museum heute, einquartiert in einem alten Glaslager aus den sechziger Jahren. Ein besserer Ort ließe sich nicht denken, um den historischen Hintergrund der heute so vitalen und unüberschaubaren Berliner Gegenwartskunst besser zu begreifen.

Im Inneren empfängt den Besucher eine schwebende Treppe, und wer emporsteigt, erhascht erste wunderbar vielfältige Eindrücke. Impressionistisch gemalte Damen, die in ihren Sommerblusen immer ein wenig zu frösteln scheinen, oder eine Tänzerin des Jugendstilkünstlers Fidus, die sich nackt zum Licht reckt und dabei mit den Fußspitzen auf Farnen und sehnsuchtsblauen Blumen balanciert. Die Bilder hängen auf lose verteilten, gegeneinander verdrehten Stellwänden, was mehr an eine Kunstmesse als an ein Museum erinnert. Sie passen aber bestens zu den konstruktivistischen, expressionistischen und neusachlichen Werken, die den größeren Teil der Sammlung prägen.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Clusterartig vereint findet sich die osteuropäische Avantgarde. Anfang des 20. Jahrhunderts lebten zeitweise 600.000 Russen in der Stadt, hatten eigene Cafés, Verlage und Theater. Künstler wie Naum Gabo, Kasimir Malewitsch, Wladimir Tatlin oder Alexander Rodtschenko belebten die Szene. Iwan Puni griff in Russland Formen des Suprematismus auf und verband sie in Berlin mit neusachlicher Darstellung. Sein Synthetischer Musiker von 1921 (unsere Abbildung) ist mit seinem wilden Stilmix charakteristisch für die damalige Kunst in Berlin.

Von El Lissitzky ist der für Berlin geschaffene Prounen-Raum (als Rekonstruktion) von 1923 ausgestellt und begehbar. Drei Jahre zuvor hatten George Grosz und John Heartfield die aberwitzige Figur Der wildgewordene Spießer (Elektro-mechanische Tatlin-Plastik) geschaffen: eine amputierte Schneiderpuppe mit Revolver, Gebiss zwischen den Beinen und je einem preußischen Orden an Brust und Hintern.