Wie lange dauert die Fahrt zur Parteischule? "Eine Stunde." Pause. "Alles dauert eine Stunde in Peking." Vor fünf Jahren gab es keine Dauer-Staus, Weihnachtsbäume auch nicht. China will zwar den Westen überholen , aber vorläufig macht der sich in China breit: von Gucci bis Google.

In der Zentralen Parteischule lernen die Kader noch immer Marx, aber "nicht jedes Wort", erklärt Li Jingtian, der Vize-Dekan. Mao glaubte nicht an den "unversöhnlichen Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Deshalb die vier Sterne auf der Staatsflagge: Arbeiter, Bauern, Kleinbürger, Kapitalisten." Also gehören alle mit dazu.

Es gilt das sanfte Sowohl-als-auch, in der Innen- wie in der Außenpolitik. "Wir wollen keine Hegemonie", doziert Professor Li. "Wir werden nicht die Fehler der anderen wiederholen", womit er Wilhelm II. und Japan meint.

Der Herausforderer böllert nicht. Er spricht die korrekte Sprache des 21. Jahrhunderts: "global governance", "win win", "harmonische Entwicklung". Andererseits wächst der Militärhaushalt doppelstellig . China baut sich wie einst Wilhelminien eine Hochseeflotte, die den USA signalisiert: Der Westpazifik ist unser Teich. Unverkennbar ist das Ressentiment des Aufsteigers gegen die US-Vormacht, die genauso artig redet, aber im Hintergrund die Bündnisfäden zieht.

Fu Ying, die Vize-Außenministerin, zitiert aus ihrem Seminar: "Die USA wollen China aus dem Boot werfen. Sie machen Druck auf uns. Der Westen akzeptiert uns nicht als Gleichen unter Gleichen." Ein anderer Parteischüler: "Ohne Respekt gibt es keinen Respekt." Dann die dialektische Volte: "Wir wollen aber Verantwortung übernehmen."

Hieße das nicht, die Wilden von Pjöngjang zu zähmen? Die klassische Antwort: Man müsse immer beide Seiten verstehen . Die Nordkoreaner hätten Angst vor den USA. Wie können wir ihnen die Bombe verweigern, wenn wir sie selber haben? Nein, "wir beschützen sie nicht; wir hoffen auf eine Lösung". Das gilt auch für Iran , wo Peking systematisch die Sanktionen verwässert.

Die Wirtschaftsprobleme ? Nicht unsere Schuld. "Wir würden ja gern mehr in Amerika kaufen, aber Hightech bleibt auf der schwarzen Liste." Unterbewertung des Yuan ? "Das Problem ist ein amerikanisches – zu viel Konsum." Überdies, so der Parteischüler Wang Dongjing: "Chinesische Produkte sind einfach besser und billiger."

Unsicherheit gebiert Arroganz. Aber das 21. verbietet die Sprache des 19. Jahrhunderts. Zu groß ist die Abhängigkeit vom US-Markt – und zu gefährlich die direkte Konfrontation mit einem Amerika, das noch lange die Nummer eins bleiben wird, militärisch wie ökonomisch.

Deshalb hat dieses Machtspiel keinen vorbestimmten Ausgang. "1914" muss nicht sein. Die Frage ist nur, ob Chinas Verantwortungsbewusstsein schneller wächst als seine Ambition. Erkennen wird man das an den Testfällen Nordkorea und Iran, dem Doppel-Balkan des 21. Jahrhunderts. Damals spielte Europa noch die strategische Hauptrolle; heute rangiert die weltgrößte Wirtschaftsmacht in Peking als Markt und Technologielieferant.