"Ich habe die Frau und den Zirkus ziehen lassen" – Seite 1

ZEITmagazin: Herr Kreisler, manchmal habe ich den Eindruck, Sie hadern ein wenig mit Ihrem Erfolg als Meister des bösen Humors. Ihr bekanntestes Lied heißt "Taubenvergiften im Park".

Georg Kreisler: Nein, ich hadere nicht. Aber ich habe vor mehr als 50 Jahren dieses Lied geschrieben, und seither wird es immer wieder erwähnt. Weder ist das Lied besonders gut noch sonst irgendwas. Ich habe Bücher, Stücke und Opern verfasst, aber die Journalisten kommen immer wieder aufs Taubenvergiften zurück.

ZEITmagazin: Warum ist es kein gutes Lied?

Kreisler: Na, es ist primitiv. Von allen Seiten betrachtet, nicht nur musikalisch. Es ging gegen das gemütliche Wienertum, ich habe es in ganz kurzer Zeit geschrieben. Alle fühlten sich angegriffen, selbst die Tierschützer. Dabei ist das Lied völlig harmlos. Ich habe mir dann aus Übermut immer neue Fassungen ausgedacht, die letzte war "Gehen wir Herzen vergiften nach Rom" – gegen den Papst. Alles zur selben Melodie, aus Jux und Dollerei.

ZEITmagazin: Sie sind offenbar ein unsentimentaler Mensch. Sie haben in vielen Ländern gelebt, in den USA, in der Schweiz und in Deutschland, heute wohnen Sie wieder in Wien. Schließen Sie immer irgendwann die Türe und ziehen weiter?

Kreisler: Ja, ich bin ein Weggeher. Von meinem Naturell her. Nur das erste Mal war unfreiwillig – die Emigration in die USA. Danach bin ich immer freiwillig weitergezogen.

ZEITmagazin: Aus Neugier oder aus Überdruss?

Kreisler: Aus Überdruss. Das gebe ich gern zu. Ich gehe auch Streitereien aus dem Wege, indem ich fortgehe. Ich habe zwölf Jahre in Berlin gewohnt und eigentlich ganz gern. Ich habe mich dort nicht angegriffen gefühlt, obwohl ich jeden Grund dafür gehabt hätte. Ich bekam keine Angebote. Ich war wirklich ein bisschen unterbeschäftigt in Berlin. War das Antisemitismus? Vielleicht. Tatsache ist: Meine Frau Barbara Peters war in Berlin eine viel beschäftigte Schauspielerin. Aber ab dem Moment, wo sie mit mir zusammen war, hörte das auf. Sie ist überhaupt nicht mehr engagiert worden. Woran das lag? Ich weiß es nicht. Aber Antisemitismus gibt es nach wie vor.

ZEITmagazin: Sie glauben wirklich, dass Sie in Berlin mit Antisemitismus konfrontiert waren?

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Kreisler: Ja, es hat sich nix verändert. Nur dass wir jetzt keine KZs mehr haben. Der Antisemitismus ist geblieben. Aber den gibt es auch in Amerika, allerdings modifiziert. Die Antisemiten in Amerika behaupten ja nicht, dass die Juden keine Amerikaner sind. Sie seien Amerikaner, aber eben nur miese Amerikaner. Der deutsche Antisemitismus sagt, die Juden sind keine Deutschen. Die müssen in Israel wohnen.

ZEITmagazin: Gab es für Sie einen Moment der Rettung?

Kreisler: 1953 war ich in New York, es ging mir sehr schlecht. Ich hatte hohe Schulden. Ich heiratete, meine Frau war Mannequin, Model sagt man heute, sie arbeitete mehr als ich. Dann lernte ich eine Artistin von einem großen Zirkus kennen, und sie sagte: Komm doch mit. Der Direktor bot an: "Du kannst als Clown was machen und mit der Kapelle. Wir zahlen dir 50 Dollar im Monat und Kost und Quartier." Eine große Versuchung. Es hätte bedeutet, meine Frau zu verlassen und die Schulden schuldig zu bleiben.

 

ZEITmagazin: Zirkus hätte Sie gereizt?

Kreisler: Ja, das ist ein tolles Leben. Und ich war ja in einer hoffnungslosen Situation mit den Schulden, ich arbeitete in einer Bar als Alleinunterhalter. Aber dann stellte ich mir vor, wie ich ein paar Jahre mit dieser Frau und dem Zirkus um die Welt ziehen würde, um schließlich in irgendeiner Stadt in Michigan als Klavierlehrer zu enden. Da wurde es mir doch anders. Ich bin dann nicht mitgegangen. Ich habe die Frau ziehen lassen. Und das war meine Rettung, sonst wäre ich heute Klavierlehrer in Detroit.

ZEITmagazin: Was geschah dann?

Kreisler: Ich ging nach Europa und stieß ziemlich schnell zu der Kabarettgruppe mit Helmut Qualtinger. Diese Witzchen über den Heimatfilm und dumme Hofräte waren zwar harmlos, die Politiker haben sich totgelacht. Aber ich konnte meine Schulden begleichen.

ZEITmagazin: Obwohl Sie ein Fortgeher sind, sind Sie seit 34 Jahren mit Ihrer Frau zusammen. Es heißt, Sie verfolgen den Grundsatz: Man muss sich jeden Tag sehen! Das hat mich überrascht.

Kreisler: Wir haben uns vorgenommen, uns jeden Tag zu sehen – mit ganz wenigen Ausnahmen ist uns das gelungen. Ich war 54, als wir uns kennengelernt haben, meine Frau 34, das spielt eine große Rolle. Wir hatten eine etwas bewegte Vergangenheit und beschlossen: Das hört jetzt auf.

ZEITmagazin: Und da geht man sich nicht auf die Nerven?

Kreisler: Nein. Aber man braucht ein gewisses Alter. Und: Es ist ein Glücksfall, das sehe ich ein.