DIE ZEIT: Frau Schücking, wir sind überrascht.

Beate Schücking: Weil Leipzig jetzt eine Rektorin hat? Na und? Ist doch schön für die Universität. Nachdem es offensichtlich nicht so leicht war, jemanden zu finden, schlägt mir nun allseits Freude entgegen.

ZEIT: Wir sind vor allem überrascht, weil Ihre Gegenkandidatin, Potsdams Uni-Präsidentin Sabine Kunst, als Favoritin galt. Eine ausgewiesene Expertin, Hochschulmanagerin des Jahres 2010.

Schücking: Für mich war sie ja auch die Favoritin. Aber bei großen Wahlgremien geht es nicht nur um die Qualität der Kandidaten, da ist vieles unberechenbar. Vielleicht war die Fachrichtung ausschlaggebend. Frau Kunst ist Bauingenieurin – der Bereich spielt in Leipzig keine Rolle. Ich bin Medizinerin, habe Philosophie studiert. Ich denke, dass sich viele von mir besser vertreten fühlten.

ZEIT: Sie wollen die Uni internationaler aufstellen. Viele in Leipzig fragen sich, ob man nicht zuerst dafür sorgen sollte, mehr Ostdeutschen eine Professur zu ermöglichen. Es gibt heute weniger Ostprofessoren in Leipzig als 1992.

Schücking: Ein schwieriges Thema. Bei den Berufungsverfahren lässt sich vieles verbessern. Aber wir werden hier keine Ossi-Quote einführen. Ich glaube, das haben die ostdeutschen Wissenschaftler auch nicht nötig.

ZEIT: An Instituten, denen Ostperspektiven gut zu Gesicht stünden – wie Politologie, Geschichte, Jura – folgt einem Westprofessor der nächste.

Schücking: Wir kommen jetzt in eine Phase des Generationswechsels. Die Aufbauhelfer der Nachwendezeit scheiden aus. In der Medizin sehe ich schon viele jüngere Professoren aus dem Osten. Hoffnung sollte uns machen, dass in den kommenden zehn Jahren 70 Lehrstühle neu zu besetzen sein werden – ohne Stellenstreichungen.

ZEIT: Ihre Nichte studiert in Leipzig. Sie haben also Einsicht in die täglichen Katastrophen des Unibetriebes. Was erfahren Sie?

Schücking: Sie erzählt, wie schwer es manchmal ist, im Hörsaal überhaupt einen Platz zu finden. Und wie angenehm im Vergleich die Studienbedingungen beim Austauschsemester in Portugal waren. Eine zweite Nichte spielt dennoch mit dem Gedanken, nun auch nach Leipzig zu kommen: zum Medizinstudium. In der Medizin hat die Uni den Ruf, vielen Studenten einen guten Abschluss zu ermöglichen.

ZEIT: War Ihre Nichte auch beim Sächsischkurs , den die Uni derzeit Weststudenten anbietet?

Schücking: Sicherlich nicht. Warum sollte sie? 

ZEIT: Bundesweit nimmt man Leipzigs Uni vor allem in Verbindung mit solcher Folklore wahr. Damit, dass man verschüchterte Weststudenten ins bedrohlich-wilde Fernost einlädt.

Schücking: Tja, eine dieser Marketingideen. Wissen Sie, man kann ja dafür werben, dass Studenten vom Heimatort wegziehen. Aber diese Kampagne finde ich überzogen. Sie hat ein diskriminierendes Element, und das gefällt mir nicht. Aber der Sächsischkurs ist etwas Heiteres, und wenn eine Universität damit in die Schlagzeilen kommt – so what? Ich habe in Ulm studiert, ich hätte dort einen Schwäbischkurs gebrauchen können. Da gab es Mitte der Siebziger Professoren, die Vorlesungen auf Schwäbisch hielten.