Berlin war immer schon die berühmteste unfertige Stadt der Welt. Ein Zusammenschluss verschiedener Dörfer, dazwischen viel Nichts und ein bisschen Spontangrün, wie die Stadtplaner das nennen. Auch dem Hauptbahnhof in Berlin blieb dieses Nichts nicht erspart. Vier Jahre ist es her, dass er mit Pauken und Trompeten eingeweiht wurde, doch noch immer liegen rund um das gläserne Bauwerk mehrere zehntausend Quadratmeter brach. Die Bevölkerungsdichte gleicht der Patagoniens. Flaches Land und weite Straßen, aber kein Bahnhofsviertel, keine Bars für Gestrandete – noch nicht einmal Drogendealer verirren sich hierher. Als im September hunderttausend Menschen vor dem Bahnhof gegen Atomkraft demonstrierten, verlor sich diese Masse in den Weiten der Stadtsteppe. Trostloser könne es auch in Sibirien nicht sein, schimpfte vergangene Woche sogar Meinhard von Gerkan, der Architekt des Bahnhofs.

Zusammen mit dem Chef der Bundesstiftung Baukultur , Michael Braum, und der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher schlug Gerkan Alarm. Allerdings nicht wegen der Leere, sondern vor allem aus Angst vor dem, womit diese Leere gefüllt werden soll. Der erste Bau am Bahnhof, ein nicht allzu großes Hotel, wurde erst kürzlich fertiggestellt. "Ordinärer", sagt Gerkan, "kann man einen öffentlichen Raum nicht verramschen."

Tatsächlich erinnert das durch und durch einfallslose feuchtgraue Gebäude an einen besonders misslungenen Sozialbau in Solingen oder Erlangen, nur dass dieses hier vis-à-vis dem Kanzleramt liegt. Im Erdgeschoss der architektonischen Scheußlichkeit befindet sich eine jener den Brotgenuss bekämpfenden Schnellbäckereien, die übrigens auch das Innere von Gerkans nicht unumstrittenem Bauwerk zumüllen.

Auf der Nordseite des Berliner Bahnhofs kündet unterdessen eine große Reklame von einem weiteren, größeren Neubau: einem Hotel mit Einkaufszentrum, einer "Kommerz-Immobilie primitivster Machart", so Gerkan. Auch dieses Gebäude droht ein trostloser Nicht-Ort zu werden, ein mit noch mehr Schnellbäckereien vollgestopfter Verlegenheitsbau. Während bislang auf der Brache immerhin noch die Hoffnung auf ein urbanes Treiben siedeln konnte, droht nun das Nichts durch ein endgültiges Garnichts verdrängt zu werden.

Wer schuld ist an der Misere? Es sind vor allem die Grundstücksgesellschaften und Investoren, die sich nicht trauen, spektakulär gut bauende Architekten zu engagieren – obwohl spektakulär gut nicht unbedingt teuer heißen muss. Und es ist die Politik, die keine gestalterischen Qualitätsvorgaben machte, als die Bebauungspläne vor vielen Jahren erstellt wurden. Auch wenn jetzt Schadensersatzansprüche entstehen sollten: Der Berliner Senat muss seine Fehler wiedergutmachen und die trostlosen Projekte auf der Berliner Hauptbrache stoppen. Sonst wird es auf Dauer heißen: Das Schönste am Berliner Hauptbahnhof ist die S-Bahn, die uns von hier wegbringt.