Wem früher eine Kamera vor dem Bauch baumelte, der war Tourist. Er betrachtete die Welt staunend durch ein Objektiv und wollte mit den Aufnahmen womöglich zu Hause einen Diaabend bestreiten. Man tat gut daran, Kameras lieber in der Tasche zu verbergen, wenn man nicht unglaublich uncool wirken wollte. Wer sich weltläufig gab, urlaubte ohne Kamera, damit er die Dinge bewusst spürte und erfuhr, er bewegte sich spürend und erfahrend durch den afrikanischen Busch und berichtete dann später ausgiebig davon, was für die Daheimgebliebenen meist schlimmer war als ein Diaabend.

Mittlerweile hat die Kamera allen Ruch des Spießigen verloren. Man hängt sie sich längst nicht mehr nur im Urlaub vor den Bauch, sondern bei jedem Schritt. Als Olivier Zahm, Chef des Modemagazins Purple, unlängst zur Haute-Couture-Show von Chanel erschien, fotografierte er als Erstes den Laufsteg und das Publikum – früher ein absolutes no-go. Bis vor Kurzem besuchten Modeleute ein Defilee grundsätzlich mit einer gelangweilten Haltung – als wäre es so alltäglich, wie morgens mit ungeputzten Zähnen Brötchen zu holen. Heute aber signalisiert eine Kamera: Ich habe ein Blog! Und das ist unheimlich cool, denn da draußen sind sehr viele Leute, die Interesse an meiner Welt haben!

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Wer keine Kamera hat, der hat keine Freunde auf Facebook. Wer keine Kamera mit sich herumträgt, dessen Leben ist augenscheinlich nicht interessant genug, um fotografisch begleitet zu werden. Deshalb laufen Fotoapparate, die man mit einer Schlaufe am Handgelenk baumeln lässt, Handtaschen gerade den Rang ab. Wobei nicht jedes Modell gleich gut zum Angeben geeignet ist. Höchste Glaubwürdigkeit haben deutsche Leica-Kameras: Die sehen schon nach tollen Bildern und Professionalität aus, bevor man das erste Bild geschossen hat.

Nachdem die Kamera zum modischen Accessoire geworden ist, war es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis auch Modedesigner Kameras entwerfen. Den Anfang hat jetzt der amerikanische Designer Jason Wu, der auch Michelle Obama einkleidet, mit einer bunten Digitalkamera für General Electric gemacht. Ob sie auch technisch gute Bilder schießt? Nicht so wichtig. Hauptsache, sie macht Bilder, mit denen man in spektakulären Blogs auftaucht.