Langsam müssten ihm die "Prima" ausgehen. Und die "Sehr schön" auch, ganz zu schweigen von den "Toll". 45 Minuten lang besucht Stefan Mappus am vergangenen Montag ein Mehrgenerationenhaus in Meckenbeuren am Bodensee. Von Stuttgart hat er ein Lächeln mitgebracht, das nicht weichen will. Es wirkt so, wie er selbst schon lange nicht mehr gewirkt hat: entspannt. "Wir wollen", so sagt der bullige Ministerpräsident, "eine Betriebstemperatur in Baden-Württemberg erzeugen, in der die Menschen sich wohlfühlen." Mappus, der Kraft-Wärme-Koppler.

Gangolf Stocker trägt einen grauen Bart im Gesicht, eine braune Lederjacke am Leib und Wut im Bauch. Die teilt er mit den Tausenden, die trotz Kälte und Regen vor den Stuttgarter Hauptbahnhof zur Montagsdemo gekommen sind, der ersten nach dem Schlichterspruch. "Mir und den Menschen hier geht die Schlichtung am Arsch vorbei", sagt Stocker. Er ist der Sprecher des Aktionsbündnisses gegen das Bahnhofsprojekt und hat mit am Schlichtungstisch gesessen. Bisher wusste er die Mehrheit im Land hinter sich. Jetzt dreht die Stimmung. "Meinungsumfragen sind nur Momentaufnahmen", zischt Stocker. Die Stimme des Protests klingt jetzt nach Berufspolitik.

Ein großes weißes "Jetzt" prangt auf der Kulisse hinter dem Parteitagspodium der Grünen in Bruchsal. Eigentlich müsste ein dickes Fragezeichen dahinter stehen. Was jetzt? Was tun, nachdem die Schlichtung, die man selbst gefordert und unter Aufbietung aller Hoffnungen und rhetorischen Fanfaren bis zum Ende begleitet hat, für Stuttgart 21 ausging? Von hinten drängt die Bewegung, von vorne kommt der Druck der Demoskopen: Wehe, die Leute halten euch für eine Dagegen-Partei.

Heiner Geißlers Schlichterspruch zu Stuttgart 21 hat die Stimmung im Land gedreht. 54 Prozent der Badener und Württemberger befürworten jetzt das Bahnprojekt, vor zwei Monaten waren es nur 35. Eine Stadt, die gestern noch außer sich war, hat sich scheinbar über Nacht beruhigt – ein Wunder demokratischer Selbstheilung. Die Protestler, bis dato die Guten im Dauerstreit, laufen Gefahr, die Bösen zu werden. Ihnen könnten nun all jene Eigenschaften zugeschrieben werden, die bis vor Kurzem noch mit ihrer Hassfigur Mappus verbunden waren: starrsinnig, rechthaberisch, verbohrt. Die Politiker hingegen haben, so scheint es, wieder das Heft in der Hand.

Und beinahe unbemerkt hat der Schlichterspruch auch die Umstände für die Landtagswahl im kommenden März von Grund auf verändert. Mappus, der konservative Hardliner , notorische Zuspitzer und ausgemachte Wahlverlierer, hat wieder echte Siegchancen. Und der Höhenflug der Grünen , lange schier unstoppbar, droht jäh zu enden. War es das nun? Mit dem Machtverlust der CDU nach 57 Jahren? Mit der grünen Zeitenwende? Und mit der neuen Bürgerbewegung, die doch die Republik so tief greifend verändert – und nun zusehen muss, wie sich die Berufspolitik ihr Primat zurückerobert?