Die Bürgerproteste der vergangenen Monate genießen einen ganz erstaunlich schlechten Ruf. Dass die Demos in Gorleben oder Stuttgart bei kommoder Wirtschaftslage überflüssig, ja geradezu ein Ausdruck von Undank angesichts des Krisenmanagements der Regierung sind, dass sie im Gebrauch eines demokratischen Grundrechts im Kern doch undemokratisch sind, weil das Volk ja in Wirklichkeit schon in den Parlamenten sitzt, darin sind sich viele Politiker und – noch wichtiger – viele politische Deuter einig.

Machtkritische Freude kommt jedenfalls nicht auf: Die neuen Proteste zerbröseln die Institutionenordnung, wenn nicht gar das Rechtsstaatsprinzip, heißt es, sie blockierten nötige Modernisierungsprojekte und gefährdeten den Standort. In ihnen manifestiere sich der Konservatismus einer alternden Gesellschaft. Oder sie sind nur eine Wiederauflage der Protestkultur der Achtziger. Was auch immer an Bedenken vorgetragen wird, staatskritische Regungen der Gesellschaft, vielleicht sogar des Souveräns jenseits seiner rechtlichen Verfasstheit, lösen in Deutschland immer noch Angst aus.

Das ist verwunderlich, denn die neue außerparlamentarische Opposition bewegt sich, von vereinzelten Brüchen des Rechtsfriedens einmal abgesehen, bei genauerem Hinsehen in den verlässlichen Bahnen der politischen Ordnung. Gewalt bleibt ausdrücklich geächtet, und selbst wenn es den Demonstranten ernst ist, hat der Protest etwas Spielerisches, Zitathaftes. Was fehlt, ist das Aggressive, das Verzweifelte, kurz: das Unbedingte, das Proteste im Nachgang von Achtundsechzig auszeichnete. Die alte Apo war ein antiparlamentarischer Kampf, die neue ist es nicht, jedenfalls nicht schon dann, wenn sie einzelne Parlamentsbeschlüsse revidieren will.

Es sind auch nicht nur Rentner, Schüler und der ominöse schwarze Block, die auf die Straße gehen. Der Protest ist soziologisch breit gestreut, und dank Internet, Twitter und demoskopischer Dauerbefragung des Volkes hat das Geschehen vor Ort auch einen anderen Rückhalt als zuvor. Es tobt keine selbsternannte revolutionäre Avantgarde, sondern Protest wird zur Performance von Normalos, die sich einer medial gewieft organisierten Legitimationsgrundlage sicher sein können. Falsch ist auch, dass die neuen Proteste sich in bloßer Verhinderungsmacht bescheiden. Heiner Geißlers Stuttgarter Schlichtung führte ja vor, dass der Widerstand gegen den Tiefbahnhof konstruktiv war, dass ein Alternativkonzept vorlag. Wenn man sie ernst nimmt, sind rebellische Bürger bereit, ihre Verantwortung zu tragen. Kann sein, dass Zivilgesellschaft künftig auch eine agonale Seite zeigt.