Spricht man von Liebe als einem universellen Gefühl, so meint jeder etwas anderes. So alt wie die Menschheit, so neu ist sie für jeden und jedes Mal wieder, denn alles, was zählt, ist ihr Augenblick. Wie wir sie kennen, als Selbstvergewisserung im Blick des anderen, ist sie eine Erfindung des 18. Jahrhunderts – und vielleicht schon bald ein Fall fürs Museum. Heute, wo alle immer hektischer nach ihr suchen und dabei von vornherein genaue Vorstellungen haben, scheint es immer fraglicher, ob sie überhaupt noch eine Chance hat, real zu werden. Und wenn ja, würde man sie überhaupt erkennen?

"Sind Sie die Frau, auf die ich warte?", fragt ein gehetzter Herr mit Blind-Date-Suchblick die ein wenig verloren wirkende Dame mittleren Alters. "Nein!", blafft sie reflexartig, um später zu sich selbst zu seufzen, "warum habe ich nicht einfach ja gesagt? Ich möchte doch nur mal wieder angefasst werden." Am Anfang war die Sehnsucht – und am Ende auch, so etwa könnte man den Szenereigen Alles nur der Liebe wegen auf einen Nenner bringen, den Andreas Kriegenburg zusammen mit acht First-Class-Schauspielern und ohne vorgegebenen Textrahmen an den Münchner Kammerspielen entwickelt hat.

Da gibt es verkorkste Vorspiele, hormongesteuerte Verzweiflungstaten, Selbstentblößungen und Rückzieher im falschen Moment. Schauplatz dieser flüchtigen Verfolgungen und Verfehlungen ist eine öde, mit rosa Marmor getäfelte Halle, Vorhölle oder Wartesaal unverwüstlicher Wünsche, ein fleischfarbener Limbus mit Säulen, barocken Flügeltüren und blinden Spiegeln.

Wie schon bei Kafkas Prozess und Dea Lohers Dieben hat Kriegenburg ein wuchtiges Drehmoment in seine Bühnenkonstruktion eingebaut. Diesmal rotiert der Plafond parallel zur Rampe um die eigene Achse, fegt die Schauspieler mal nach hinten, mal nach vorn und wird, senkrecht aufgestellt, zum monumental-digitalen Bilderrahmen, in dem die scheu lächelnden Gesichter der Akteure wie im Album einer Partneragentur Revue passieren.

So klar der Bühnenbildner Kriegenburg einen Raum formulieren kann, so überbordend wirkt nicht selten das Einfallsprinzip des Regisseurs K., zumal wenn kein dramaturgisch zugespitzter Konflikt einen Spannungsbogen vorgibt. Dann verführt der Spieltrieb zu wild wuchernden Szenenfolgen. Es wird rasant zwischen Elegie und Klamauk geswitcht, und Andrea Schraad hat so viele hinreißende Kostüme entworfen, dass die Akteure von einer Figur in die nächste hechten müssen. Versprengte Einzelne bleiben sie trotz aller Häutungen, und als Wiedergänger von Wim Wenders’ traurigen Engeln aus dem Himmel über Berlin bewegt sich Stefan Merki von einem Mitspieler zum anderen, um über sein Mikroport die einsamen Gedanken hörbar zu machen.

In ihren Tänzen werden die Schauspieler weniger als Verliebte und Verrückte kenntlich denn als Virtuosen ihrer Kunst. Niemand kann sich so serpentinenhaft auf einen Stuhl schlängeln wie Wiebke Puls und so sanft ins Publikum flirten: "Entschuldigen Sie, können Sie mir einen Stern vom Himmel holen?" Sylvana Krappatsch hingegen erniedrigt ihren Bilderbuchmann, Edmund Telgenkämper, plappernd zum Idioten, bis er ihr aus Notwehr in die Hand beißt.