Hätte der War Room, die Krisenzentrale im siebten Stockwerk des amerikanischen Außenministeriums, Fenster, würde man dort jetzt Tag und Nacht Licht brennen sehen. Sicherheitsleute bewachen den Eingang, Zutritt erhalten nur Befugte. Niemand darf sein Handy oder ein anderes eigenes elektronisches Gerät mit in die Sitzungen nehmen. Der Raum ist abhörsicher und mit einem dicken Teppich ausgelegt. In der Mitte steht ein großer, mit Mikrofonen bestückter Tisch, auf dem derzeit mehrere Computer aufgestellt sind. Erfahrene Beamte lesen ununterbrochen die von der Enthüllungsplattform WikiLeaks ins Internet gestellten Depeschen und projizieren die besonders heiklen Passagen auf einen großen Bildschirm an der Wand. Zum Beispiel die aus Neu-Delhi kolportierte vertrauliche Mitteilung, Außenministerin Hillary Clinton habe die nach einer permanenten Mitgliedschaft im UN-Sicherheitsrat strebenden Inder "selbst ernannte Sitzgrabscher" genannt.

Vor zwei Wochen, genauer gesagt, am Freitag, den 26. November, ließ Hausherrin Hillary Clinton den War Room wieder in Betrieb nehmen, elf Monate nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti und 48 Stunden vor dem Beginn der verhängnisvollen WikiLeaks-Affäre. Kein Schimmer und kein Laut dringen aus dem Hochsicherheitsraum. Jetzt erst recht nicht: Seit WikiLeaks und mehrere Zeitungen öffentlich machen, was amerikanische Diplomaten über die Welt und deren Regierungen insgeheim denken , herrscht im US-Außenministerium striktes Schweigegebot.

Nur Ministerin Clinton und einige handverlesene Mitarbeiter äußern sich meist mit derselben dürren Drei-Punkte-Erklärung: Man bedauert die Panne, sieht aber keinen nachhaltigen Schaden und erklärt überdies, es handele sich lediglich um persönliche Einschätzungen von US-Diplomaten, die keinen Einfluss auf politische Entscheidungen der amerikanischen Regierung hätten. Punkt, Schluss.

Auf der siebten Etage des State Department gibt man sich allerdings nicht so gelassen. Ein hoher Beamter beschreibt die Stimmung als eine Mischung aus Wut, Peinlichkeit und Frust – verbunden mit starken Kopfschmerzen. "Wir schlucken ganze Packungen von Aspirin-Tabletten." Wer in diesen Tagen erfahren will, wie Amerikas Außenministerium den diplomatischen Schaden einzudämmen versucht, muss sich jenseits der Mauern und Ohren des State Department mit Mitarbeitern treffen. Zu einem Spaziergang am Ufer des Potomac, auf einer Parkbank im kalten Abendnebel oder im dichten, anonymen Gedränge der Vorhalle einer Universitätsklinik. Aus Angst vor ungebetenen Zuhörern musste ein Café fluchtartig verlassen werden.

Das Schlimmste, sagt ein hoher Diplomat, sei die Ohnmacht : "Wir haben nichts falsch gemacht, keine Lügen aufgetischt und kein Staatsverbrechen begangen." Im Gegenteil, man könne stolz sein auf die Professionalität und das profunde Wissen des diplomatischen Dienstes. "Wir haben exakt das gemacht, was unsere Regierung von uns erwartet." Und trotzdem sei die Offenlegung dieser erfolgreichen Arbeit ein "riesiges Desaster" . Seit Wochen beschäftige man sich pausenlos mit Entschuldigungstelefonaten. Das Schlimmste: "Wir verbeugen uns für diese Panne sogar vor Diktatoren und Despoten."