Gerade ist der Hubschrauber über den Alexanderplatz geflogen, beinah konnte man den hell erleuchteten Fernsehturm mit den Händen greifen. "Das sind die wunderbaren Momente des Ministerlebens", sagt Peter Ramsauer und reckt den Kopf mit jugendlicher Begeisterung mal zum rechten Fenster und mal zum linken. "Sagenhaft", staunt er. Schade, dass es zu dunkel zum Fotografieren ist.

Auf dem Hinflug am Nachmittag hat der Minister die Kamera gezückt, den Neubau des Berliner Flughafens bewundert, dann den Spreewald und die Oberlausitz, bis der Hubschrauber auf einer grünen Wiese in Sachsen am Ufer der Neiße landete. Das beschauliche Flüsschen hatte im Sommer die Umgebung verwüstet und das kurz zuvor renovierte Kloster St. Marienthal auch. Nun fehlt es am Geld, um die Schäden auszubessern. Und deswegen kommt der Minister vorbei, er ist ja nicht nur für Verkehr, sondern auch für Städtebau und Infrastruktur zuständig. Vor dem Abflug hatte Ramsauer suchen lassen – und tatsächlich ungenutzte fünf Millionen Euro aufgetrieben. Die machen den Freitagnachmittag nun zu einem echten Wohlfühltermin: Zisterzienserinnen begrüßen, Rede halten, Scheck überreichen, Dank hören, Interviews geben, Kloster besichtigen, Hochwasserschäden bedauern, Sekt nippen. Und zum Schluss ein Vaterunser in der Kapelle.

Seine Taktik: Schlagzeilenträchtige Probleme erkennen und schnell lösen

Seit einem Jahr ist Peter Ramsauer Minister, und das mit wachsender Begeisterung. Das Ministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung verfügt über viel Geld und Kompetenz. Eigentlich könnte man in den Räumen an der Invalidenstraße jeden Tag Pläne für Deutschlands Zukunft schmieden: Mobilitätskonzepte entwerfen, eine neue, andere Verkehrspolitik, kühne Visionen für den Umbau der deutschen Infrastruktur, Ideen für das Stadtleben von morgen. Mit ein bisschen Geschick ließe sich das Amt sogar zu einer Art Nebenwirtschaftsministerium ausbauen: Denn um Ökonomie geht es schließlich, wenn Elektromobilität gefördert wird, Bahnhöfe gebaut oder Innenstädte modernisiert werden. Viel Raum für Visionäre, die von einem neuen Land träumen.

Doch Peter Ramsauer versucht einen anderen Weg: Er ist eine Art Pop-up-Minister, der alle paar Wochen ein neues Thema setzt. Dafür nutzt er das Ministerium und sein Talent für die Zuspitzung und das Timing – wobei er "Pop-up" und "Timing" natürlich sofort mit dem grünen Ministerstift streichen würde. Gegen Denglisch, den Gebrauch von englischen Wörtern in deutscher Umgebung, hat er schon zu Beginn seiner Amtszeit gewettert – und dafür Hunderte begeisterter Zuschriften erhalten. Ramsauer freut das noch heute diebisch, bestätigt es doch seine Taktik: schlagzeilenträchtige Probleme erkennen, auf den Punkt bringen und mit gesundem Menschenverstand schnell lösen.

In Zeiten der großen Zwänge, in denen sich die Politik oft gelähmt präsentiert, wirkt das erfrischend. Da ist ein Macher. Der tut was: Er verbannt die "Servicepoints" aus dem Wortschatz der Bahn. Er sorgt für Rechtssicherheit bei der Winterreifenpflicht . Er sagt die ungeliebte Privatisierung der Bahn ab und beruhigt das Verhältnis mit deren Spitze. Er sagt klar, dass man nicht mal so eben die Einflugschneisen für den neuen Berliner Flughafen ändern kann. Und er verbietet den Flugverkehr wegen einer Aschewolke .

Die Asche war Ramsauers Feuertaufe. Als sie im Frühjahr plötzlich am Himmel auftauchte und den Flugverkehr über Europa tagelang störte, wurde er quasi über Nacht zu Mr. Verkehrssicherheit. Beherzt ließ der Minister den Luftraum über Deutschland sperren. Er beugte sich dem Druck der Fluggesellschaften auch nicht, als deren Chefs ihn beschimpften. Eine falsche Entscheidung hätte ihn den Job kosten können, es ging um Milliarden und Menschenleben. Am Ende wurde Ramsauer sogar vom politischen Gegner gelobt. Der Mann, den viele nur als gut aussehenden, wenn auch wadenbeißerischen Vertreter der bayerischen Mir-san-mir-Folklore wahrgenommen hatten, war zum geachteten Minister mutiert.

Dabei war das Verkehrsministerium nicht der Traumjob des Oberbayern. Zwar hat er sich im Studium auch mit Verkehrswirtschaft beschäftigt. Aber gereizt hat ihn lange nur die Macht. Seit 1990 gewinnt er den Wahlkreis Traunstein, im Bundestag führte das zu stetigem Aufstieg – bis zum CSU-Landesgruppenchef. In dieser Schlüsselposition kann man in Oppositionszeiten poltern. Wenn die eigene Partei mitregiert, ist man bei den Hinterzimmerhändeln dabei. Ramsauer hat das sehr genossen.