Mit der Suche nach dem wahren Eichengrund sind sogar die Suchmaschinen überfordert. Altenheime heißen nach ihm, Ausflugskneipen und Reiterhöfe, sogar Hundestammbäume. Doch keiner weiß, was und wo der Eichengrund ist. Vielleicht existiert er gar nicht und wurde im 19. Jahrhundert von einem Dichter erfunden, um der Sehnsucht nach dem geheimnisvollen Ort einen Namen und ein Ziel zu geben.

Aktenkundig wurde der Eichengrund in der zweiten Strophe des Volkslieds Kein schöner Land von Anton Wilhelm von Zuccalmaglio (1803 bis 1869), der es 1838 angeblich "am Niederrhein" gedichtet hat. Das Lied besingt eine Gruppe von Freunden, die "in froher Rund" des Abends "in diesem Tal" im Eichengrund sitzen und singen; anfangs ist von Linden die Rede. Tannen und Kiefern wären ebenso geeignet, solange es der Baumbestand der gefühlten Heimat ist, diesem unübertrefflichen Land, das nicht von Schlagbäumen definiert ist, sondern von drei Mitwirkenden: Sängern, Abendstunde, Waldeinsamkeit.

Aber warum lieben wir dieses Lied? Warum wird uns warm, wenn wir es hören oder singen?

Ein andächtiges Lied, in dem es um das andächtige Singen von Liedern geht, kräftigt die Heimeligkeit auf doppelte Weise. Man erlebt selbst, was man besingt. Ein weiteres Türchen zum hohen Gefühl öffnet die dritte Strophe: Gern träfe man sich "so viel hundertmal" in diesem Tal, ist jedoch von Gottes "Gnad" und "Güte" abhängig. Zugleich entführen uns die vier Strophen zu seligen Kindheitserinnerungen, da wir die Mundorgel, das Liederbuch vom Format der Mao-Bibel, in Händen hielten, als kirchliche oder politische Jugendgruppe ums Lagerfeuer saßen, unseren Kinderkehlen und der Gitarre lauschten; Eltern waren in dieser Idylle selten zugelassen. Diese Momente erhabener Unschuld ereigneten sich meist vor der Schwelle zur Pubertät, zum Erwachsenwerden und besaßen das Zeug, im Erlebnisspeicher des Gehirns als das Heile abgelegt zu werden. Nicht nur beim aktiven Singen, schon bei jeder Erinnerung ans Lied fallen uns die vier Strophen von selbst ein und lösen – Zauber der Konditionierung – höchstes Wohlbehagen aus. Singt das Lied heute ein 50-Jähriger, musiziert sein Kindsein glücklich mit. Und immer tut sich beim Singen eine ganze Welt auf: unter uns das Tal und der Eichengrund, über uns der Vater, in der Mitte wir "Brüder" und auch ein Hauch von Gefährdung: "Gott mag es schenken, Gott mag es lenken." Und was, wenn er nicht mag?

Volkslieder spuken virulent, wie vertraute und animierende Gedächtnisspuren, durch unser Leben, wenn sie früh gelernt und früh geliebt wurden. Bei Kein schöner Land wird das Lieben auch von der Melodie genährt (die Zuccalmaglio aus mehreren Liedern zusammengerührt haben soll). Sie ist auf eine Weise lapidar, dass es an Heimtücke grenzt. Der Quartsprung zu Beginn ist schon die größte Anstrengung des Lieds. Es folgen Terzen und Sekunden, die sich immerzu wiederholen. Die Drehbewegung der Melodie gleicht einem Korkenzieher, der gleichmütig – so viel hundertmal – sein Werk tut. Die Harmonien sind ebenso schlicht, mit zweien käme man aus, drei Harmonien sind farbiger, vier oder fünf am schönsten. Die Eindrücklichkeit komplettiert der Dreivierteltakt, der uns an Wiegenlieder erinnert, an langsame Walzer, ans Schaukeln der Mutter, an kreisende Bewegungen auf dem Tanzboden. Stets wartet am Ende eine freundliche Bremse, wenn der Dreier- in einen Zweiertakt (oder, in anderer Notation, in Fermaten) ausläuft und sich die selige Spirale zur Ruhe bettet. Nun, Brüder, eine gute Nacht!

So sind Kunstcharakter und Popularität des Lieds in der glücklichen Summe von Zutaten begründet. Natürlich wurde der unverwechselbare Titel immer wieder geborgt und gebeugt, vom unerschrockenen Liedermacher Dieter Süverkrüp bis zum familientauglichen Kammersänger Günter Wewel, der nun schon seit Jahrzehnten unter dem Banner Kein schöner Land den europäischen Liedraum fürs Fernsehen bereist. Wie strapazierfähig dieses Kleinod unter den Volksliedern ist, zeigen drei moderne Einspielungen. Auf der Volkslieder-CD des Carus-Verlags singt es der Tenor Christian Elsner mit seiner Tochter Paulina; da wird aus dem verschworenen Kreis der Brüder ein Familienverband, in welchem der reife Tenor und der Kindersopran zweistimmig keusch vereint sind. Dagegen entführt uns das Vokalensemble Singer Pur auf der CD Save Our Songs in die vielfarbigen Regionen der Jazzharmonik. Das Lied hält es aus und glüht weiter von innen. Und scheint sowieso unzerstörbar: Auf einer Volkslieder-CD gleichen Titels, die vor einiger Zeit von der Deutschen Grammophon aufgetischt wurde, können auch Hermann Preys Vibrato und ein Geigenorchester die Gnad und Güte des Zuhörers nicht wirklich strapazieren.

Diese Erfolgsgeschichte wurde zu keiner Zeit unterbrochen. Kein schöner Land entsprang in einer naturtrüben Romantik, überdauerte als lyrischer Gegenentwurf die Industrialisierung, wurde von der Wandervogelbewegung wie eine Hymne geführt und war später zu religiös, als dass die Nazis das Lied hätten korrumpieren können. Schließlich kam die Mundorgel als Nachkriegs-Schatztruhe. Und so ist Kein schöner Land heute noch immer da, immer gegenwärtig, immer in Gebrauch – und macht manches ältere Herz wieder jung, hört es nur vom Eichengrund.

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