Drei Röselein, zwei Königskinder und das Ännchen von Tharau in den deutschen Pop-Charts – das gab es noch nie. Aber jetzt: Die CD Wenn ich ein Vöglein wär behauptet sich neben Lady Gaga. Opernstars singen darauf deutsche Volkslieder , und weil der Plattenproduzent weiß, was das deutsche Gemüt im Weihnachtsgeschäft sucht, hat er gleich Volkslieder II nachgelegt. Goldgelb wie adventliches Spritzgebäck liegen sie nun auf den Bestsellertischen der Kulturkaufhäuser, Idyllen des Heile-Welt-Malers Paul Hey (1867 bis 1952) schmücken die Booklets. Drum herum stapelt sich die Konkurrenz: das preisgekrönte Album Lied: gut! des Sextetts Calmus oder die Volks- und Wiegenlieder -Anthologien aus dem Stuttgarter Carus-Verlag, die sich als CD, Liederbuch, Klaviernotenband schon weit über 100.000-mal verkauft haben.

Was ist da geschehen? Denn schließlich ist es noch nicht lange her, da galten Lieder, in denen der helle Mond über süßen Mädchen treue Wacht hält, als kitschig, reaktionär und vom Aussterben bedroht. Damit beglückten allenfalls zwangsgescheitelte Knabenchöre die Generation Rollator in den Altenheimen. In den Kindergärten hatten die C-Dur-Päpste Rolf Zuckowski und Detlef Jöcker mit ihren Dutzi-Dutzi-Melodien Schubert und Silcher verdrängt. An den weiterführenden Schulen dürfte lange Jahre das beliebteste deutsche Volkslied Yesterday von den Beatles gewesen sein.

Doch nun sind der wanderlustige Müller, und der liebe Augustin wieder salonfähig; als Statussymbol einer neuen Bürgerlichkeit gehört neben dem Biobrot, dem umweltfreundlichen Auto und einem Exemplar von Uwe Tellkamps Turm auch ein schönes Liederbuch zur renovierten Altbauwohnung.

Begonnen hat diese neue deutsche Welle mit einem Unbehagen. Immer wenn die sechs Sänger von Singer Pur im Ausland auftraten, standen sie vor demselben Dilemma: Gebeten, sich musikalisch vorzustellen, tragen Vokalensembles aus aller Herren Länder ganz selbstverständlich ein Volkslied aus ihrer Heimat vor. Nur den deutschen Sängern stockt dabei der Atem. "Das wollten wir ändern", sagt der Bariton Reiner Schneider-Waterberg, "deshalb haben wir internationale Arrangeure gefragt, ob sie uns zeitgemäße Versionen der bekanntesten deutschen Volkslieder liefern können." Im schwarz-rot-goldenen Sommermärchenjahr der Fußball-WM 2006 erscheint die CD SOS – Save Our Songs. 22 Stücke, auf denen Feinsliebchen und Kathreinerle nach Jazz, Barbershop und Beatbox klingen, jedoch jederzeit wiedererkennbar sind. Bis heute gehören die Arrangements zu den Höhepunkten von Singer-Pur-Konzerten. "Bei internationalen Auftritten werden die Stücke geradezu von uns erwartet", sagt Schneider-Waterberg, "dort kennt man die Sachen zum Teil besser als bei uns daheim!"

Aber auch hierzulande ist das SOS-Signal gehört worden. Aus der Nachkriegsquarantäne sind die Volkslieder entlassen. Die war im Bewusstsein der Deutschen ja aus guten Gründen verhängt worden; zu gnadenlos hatten die Nationalsozialisten das traditionelle Liedgut ihrer Ideologie untertan gemacht. Singbewegungen wie der Nerother Wandervogel wurden gleichgeschaltet (einer der Gründer starb im KZ) und Lieder wie Muss i denn zum Städtele hinaus zynisch verbogen. Nun mussten Juden auf ihrem Weg in die Vernichtungslager die Wanderburschenmelodie singen – "übers Jahr do ischt mei’ Zeit vorbei". Fortan war das gemeinsame Singen deutscher Lieder vergiftet. In seinem folgenreichen Essay Kritik des Musikanten von 1956 beschreibt Theodor W. Adorno gar strukturelle Ähnlichkeiten zwischen Singbewegung und Faschismus: "die Anbiederung ans Volk und dessen angeblich heile oder naturhafte Kräfte, der Vorrang des Kollektivs gegenüber dem einzelnen, die Diffamierung des Intellekts". Der Philosoph schämte sich schon, wenn seine Mutter und seine Tante auf Bitten des Vaters O Täler weit, o Höhen sangen; sein Satz: "Nirgends steht geschrieben, dass Singen not sei", wurde zum geflügelten Wort und vorübergehend zur Grabplatte für die überlieferten Lieder (zumal sein relativierender Nachsatz: "Zu fragen ist, was gesungen wird, wie und in welchem Ambiente" der Pointe halber gerne unter den Tisch fällt).

Heute ist der "Adorno-Schock" überwunden. Die deutsche Selbstversöhnung ist so weit fortgeschritten, dass beim "Day of Song" der Kulturhaupstadt Ruhr.2010 in der Arena auf Schalke 50000 Menschen Kein schöner Land in dieser Zeit " singen.