Nichts regt die politische Fantasie so sehr an wie die Vorstellung, es könnte einmal die ganze Wahrheit auf den Tisch kommen. Das wäre ein Tag wie das Jüngste Gericht: Was sonst im Schutz der Macht und der Machenschaften unter den Teppich gekehrt wird, liegt offen vor aller Augen. Ein Triumph für die Gerechten, die Verdammten aber stürzen hinab ins Höllenfeuer. Welch eine Erlösungsvorstellung: Während es sonst auf Erden nur ewig verschleppte Prozesse gibt und wieder und wieder neue Wahrheiten, die sich gegenseitig relativieren, sind am Tag, wenn die Trompete erschallt, Gut und Böse klar geschieden.

WikiLeaks hat diese Erlösungsfantasie kraftvoll bedient: Als Julian Assange seine Trompete erschallen ließ, sah es für einen Moment so aus, als stünde den Systemen der Macht (den USA, den Banken, der Pharmaindustrie) ein irdisches Jüngstes Gericht ins Haus – jene ultimative Enthüllung, die dem herrschenden System seine Legitimität entzieht. Jener totale Geheimnisverrat, der unsere schlimmsten Ahnungen über die Welt der Politik bestätigt. Die Vorstellung der radikalen Transparenz versprach Erlösung von den Grautönen und Schattierungen, den moralischen Komplexitäten und Ambiguitäten: Jetzt wird den Mächtigen heimgeleuchtet!

Nur deshalb konnte WikiLeaks eine solche Drohkulisse aufbauen: weil wir in unseren düsteren Intuitionen davon ausgehen, dass alles, was geheim gehalten wird, dem System, einmal veröffentlicht, seinen moralischen Kredit raubt. Die Macht, die WikiLeaks über unsere Gemüter gewinnen konnte, hat mit dem Grundverdacht zu tun, dass jeder Blick in die Hinterzimmer der Macht nichts anderes als Schweinereien offenbaren wird.

Obwohl die veröffentlichten Papiere nur Material von niedrigem Geheimhaltungsgrad waren, wirkte WikiLeaks wie eine mythische Instanz jenseits aller Institutionen. Die Selbstinszenierung von WikiLeaks korrespondierte mit dem Grundmisstrauen der westlichen Öffentlichkeit: dass Politik zynisch, gewissenlos und verworfen sei. Das ist eine alte gnostisch-manichäische Vorstellung: Die irdische Welt, also jene, unter deren Bedingungen Politik operiert, ist finster und böse und liefert sich mit den Mächten des Lichts einen ewigen Kampf. An diese Zweiteilung der Welt in Licht und Finsternis kann WikiLeaks mit seiner Licht-, Transparenz- und Aufklärungsmetaphorik mühelos anschließen. Und wenn Julian Assange jetzt zum sichtbarsten Staatsfeind der Welt überhaupt (von Schweden bis Kanada, von Australien bis zu den USA) wird, dann profilieren die Staaten diesen Zweikampf zwischen dem Licht der Aufklärung und der Finsternis der Politik erst recht.

Nun muss man aber feststellen: Für den anthropologischen Pessimisten, der Macht und Korruption für Synonyme hält, ist die Offenbarung des Julian Assange fast eine Enttäuschung – es geht ja alles in allem ziemlich gemäßigt und gesittet zu in den Administrationen der westlichen Welt. Auch im amerikanischen Außenministerium werden ausgesprochen sorgfältig und mühsam Informationen zusammengetragen, Einschätzungen gegeben und Schlüsse des gesunden Menschenverstands gezogen. Man liest die ortsüblichen Zeitungen und zitiert sie, und das stärkste Moment von Machiavellismus ist die wiederkehrende Rede von den "nationalen Interessen".

Wenn der amerikanische Diplomat William Burns von einer wodkaseligen Hochzeit in Dagestan berichtet, auf der Tschetscheniens Premierminister mit vergoldeter Waffe in seiner Jeans tanzte und Politik und Mafia ununterscheidbar wurden, während eine junge Frau mit sehr langen Beinen sehr schlechte Gedichte vortrug, dann ist der Profi über diese filmreife Gangstershow genauso fassungslos wie der zivile Bürger. Zynismus sieht anders aus.

Tatsächlich war das die spannende Frage für demokratische Staatswesen: Wie sehr kann die Veröffentlichung konkreten Regierungshandelns den demokratisch-humanitären Anspruch dieser Staaten delegitimieren? Man würde lügen, wenn man bestritte, dass man da einen Moment den Atem angehalten hatte. Denn das ist tatsächlich ein heikler Punkt, auf dem die Stabilität und die Glaubwürdigkeit der Demokratien beruhen.