Winter wird, mehr Nacht muss her, und schon senkt sich der Schlaf der Vernunft über das Integrationsthema, die Kriegsführung, die Fernsehunterhaltung, und die Dämonen, die in diesem Schlaf geboren werden, heißen: Antiislamismus, Wirtschaftskriege und mittendrin Bauer sucht Schwein. Nein? Doch: Horst Seehofer kokelt am Grundgesetz rum, bestimmt es doch, niemand dürfe wegen seiner Religion benachteiligt werden, der Edle zu Guttenberg fährt mit dem Radiergummi durch die Verfassung, sagt sie doch, die Bundeswehr dürfe nur im Verteidigungsfall zum Einsatz kommen, und RTL stiftet den vorindustriellen Überbau und verfüttert die Debilen an die Schadenfreude des Massenpublikums. Das Publikum will es nicht gewesen sein, doch haben die bäuerische Heiratsbörse und das Supertalent Quoten nahe an Wetten, dass ...?. Nie war Populismus so populär wie heute, und die Helden, das sind hirschhorngeknöpfte Jankerträger, Trittbrett- und Treckerfahrer, ja, Glut und Hoden, wohin man guckt.

Und damit meine ich nicht nur das Zungenbad der Effenbergs auf dem Oktoberfest, sondern diese libidinöse Wallung, die momentan die Politik umwabert. Der bayerische Ministerpräsident, eben noch auf der Volkstribüne des Ressentiments, gleitet im coup de foudre einer Merkel-Romanze zu ihren Füßen hin und verfängt sich in der Schleppe, die zu tragen denn doch zu schwer geworden ist. Der hoch zu Ross die Argumentationslinien für den Afghanistankrieg abreitende zu Guttenberg drängt, wir sollten "offen und ohne Verklemmung" über wirtschaftliche Interessen in der Verteidigungspolitik reden. Verklemmung? Nur Wochen war Oswalt Kolles Thron vakant, da besetzt auch diesen der zu Guttenberg: "Dein Militär, das unbekannte Wesen, jetzt noch entfesselter". Bald dann: "Hindukusch hüllenlos. Schamlose Landser kennen kein Tabu"?

Irgendwie hat mir Deutschland im verklemmten Zustand besser gefallen. Da besaß es noch Skrupel. Und da besaß es auch noch Krise. Jetzt, da die Krise vorbeigezogen ist wie eine mittlere Vogelgrippe-Pandemie, lernen wir: Ob Krise oder nicht Krise, weniger Lohn ist die Antwort. Und die ist nun wieder ohne Skrupel. Wie beruhigend, wenn man da weniger auf die eigenen Kumpel, die Arbeiter, Krankenschwestern und die anderen Verlierer der Krise blickt als vielmehr ins chilenische Erdinnere, zu den dortigen Arbeitern, denen es ja viel erbärmlicher geht. Auch für uns saßen sie da, die Arbeiter, versammelten die Augen der Weltöffentlichkeit als eine Art subterrestrisches Google Earth Watch in einem Stollen der Atacama-Wüste und schenkten uns das Gefühl, es sei nicht alles verloren – 33 Bergleute jedenfalls waren es nicht, sie traten ans Tageslicht, fanden ihre Ehefrauen, Geliebten und heimlichen Geliebten vor, verkauften ihre Geschichten den Illustrierten, und Wochen später wünschten sich die Ersten bereits zurück ins Loch – einzig getröstet von der frohen Botschaft: Jette Joop verarbeitet jetzt Atacama-Wüste-Geröll aus dem Originaltunnel zu Amuletten, durch die sich jede Schiffsschaukelbremserin vor dem Tod in einem Salpeter-Stollen schützen wird.

Doch kaum hatte sich die Welt vom Heilsdrama in Chile erholt, schaute sie schon wieder in die Röhre: jetzt in die des Gotthardtunnels, wo unterirdisch gelang, was oberirdisch in Stuttgart erfolgreich misslingt – der Durchbruch. Das Bild der gigantischen Turbine, die unter dem Jubel der bunt behelmten Nacktmulle den Fels durchdringt, ist ein Meisterwerk phallischer Durchsetzungsfähigkeit und erinnert an das Ego von Carsten Maschmeyer, der durch obszöne Zurschaustellung von Reichtum, Einfalt und Ferres die Öffentlichkeit allmählich penetriert hat. Die leeren Gläser von Wulff und Schröder noch auf dem Tisch, ein Hauch der Bild- Schlagzeile "Veronica Ferres spricht über Sex ohne Liebe" noch in der Luft, nannte er im Interview die Preise der getrunkenen Flaschen, und während man vor Scham wünschte, der Boden möge sich unter ihm auftun, öffnete dieser sich unter den Bürgern von Schmalkalden, die mit dem schwierigsten Fall öffentlichen Unglücks zu kämpfen hatten: dem ohne Schuldigen. Wenn sie aber Glück haben, werden kommende Schmuckdesignerinnen ihr Erdloch nach neuen Flözen für Amulette sondieren, und vielleicht lässt sich ja auch der ungarische Giftschlamm aus einem Aluminiumbecken noch zu Katzengold machen, als Memento mori für den vom Homo sapiens befallenen Planeten.