Es gehört ja zu den Vorwürfen gegen Ökonomen, dass sie wacklige theoretische Gedankengebäude errichten und dabei selten bei Fehlern erwischt werden können. Daten aus der Wirtschaft seien extrem auslegungsfähig, und echte wissenschaftliche Tests – wiederholbare Experimente mit messbaren Ergebnissen – meist undenkbar. Niemand kann mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit reisen, testweise die Zinsrate verändern und die Geschichte ein weiteres Mal ihren Lauf nehmen lassen.

Ökonomen entgegnen dieser Kritik meistens: Ja, ist was dran – aber in den anderen Fakultäten treiben sie es noch viel schlimmer. Man merkt das, wenn man nach Afrika schaut. Neuerdings boomt der Schwarze Kontinent , und die Ökonomen Maxim Pinkovskiy vom Massachusetts Institute of Technology und Xavier Sala-i-Martin von der Columbia University in New York haben dieses Phänomen näher untersucht. Ein Ergebnis: Ganze Bücherregale voller Begründungen dafür, dass Afrika das Armenhaus der Welt bleiben muss, sind Makulatur.

Seit Jahrzehnten liefern sich Soziologen, Historiker, Anthropologen, Geografen, Agrarwissenschaftler, Entwicklungsforscher und auch manche Ökonomen einen Wettstreit darum, wer besser erklären kann, warum es südlich der Sahara nie zu einem großen Durchbruch für das Wachstum und gegen die Armut gekommen ist wie in Asien und Lateinamerika. Manche weisen geografischen Nachteilen die größte Rolle zu. Länder an der Küste, Länder mit guten Böden oder Bodenschätzen hätten vielleicht noch eine Chance, andere aber nicht. Ein anderer Ansatz: Der Lauf der Geschichte habe den Ausschlag gegeben. Länder, in denen einst nach Sklaven gejagt wurde, litten bis heute unter sozialer Fragmentierung und politischer Instabilität, ergo unter beharrlicher Armut. Sogar eine Forschergruppe um den Finanzexperten Rafael La Porta vom Dartmouth College (New Hampshire) wagte sich einmal in die Geschichtsforschung vor, und am Ende prognostizierten die Forscher die Zukunft der Armutsentwicklung anhand der Herkunft der Besatzer. Belgische Kolonisierer: mehr Armut. Briten: weniger Armut.

Die Argumente sind zahlreich, und sie wurden oft wiederholt, deshalb hört man auch jetzt wieder viel Pessimismus über Afrika. Der aktuelle Wachstumsschub befördere nur eine ungerechte Entwicklung. Er gehe an den meisten Afrikanern vorbei. Seine Früchte landeten in den Händen kleiner Eliten und korrupter Regime. Die Ungleichheit nehme zu.

Das muss man nicht so sehen. Pinkovskiy und Sala-i-Martin haben für ihre eigene Untersuchung eine recht schlichte Methode verwendet: Sie haben sich Zahlenreihen über die Wachstums- und Armutsentwicklung besorgt und sie nach Ländergruppen aufgeschlüsselt. Mit und ohne Bodenschätze, mit schlechten und mit guten Böden, mit Sklavenvergangenheit und ohne und so weiter.

Ergebnis: Die Länder haben ein unterschiedliches Ausgangsniveau – einige fangen ganz arm an, andere sind schon ein wenig wohlhabender –, aber quasi überall nimmt der Anteil der Armen ab. Zuletzt sogar rapide . Die Zahl der Menschen, die in extremer absoluter Armut leben müssen, sank von 41,6 Prozent im Jahr 1990 auf 31,8 Prozent im Jahr 2006. Sie sank sehr viel schneller in Ländern, die mit besonders hohen Armutsraten begonnen haben, also passen sich die Armutsraten an. "Sogar die elendsten Teile des ärmsten Kontinents können auf einen nachhaltigen Pfad gelangen und innerhalb eines Jahrzehnts die Armut ausrotten", folgern Pinkovskiy und Sala-i-Martin.