Wenn der Kollege, die liebe Frau, der böse Nachbar dich mobben, reizen, rempeln, dann gilt: Hey, die müssen merken, dass du dich ärgerst, du musst ihnen das "spiegeln". Spiegeln heißt: den anderen "rückmelden", wie ihr Treiben bei dir "ankommt". Wovon leitet sich das Verb ab? Womöglich von den Spiegelneuronen in unserem Hirn, welche uns in die Lage versetzen, den Schmerz eines Fremden in uns selbst aufflackern zu lassen – als wären wir dessen Zwilling im Leid. (Aber auch das Spiegeln unterliegt einer Hierarchie: Der Mächtige handelt, der Untergebene spiegelt zurück.) Die schönste aller Spiegelszenen findet sich bei den Marx Brothers, im Film Duck Soup: Zwei Männer, identisch gekleidet, stehen in den Splittern eines zerbrochenen Spiegels einander gegenüber; jeder imitiert den anderen, das Spiegeln wird zum Tanz. Am Ende fallen sie wütend übereinander her: Sie haben sich zu lange ineinander gespiegelt.

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