Wie leicht alles geht, und wie gut das manchmal aussieht: In Atlanta, der Hauptstadt des US-Staates Georgia, auch als "Hotlanta" oder Hauptstadt des amerikanischen Hip-Hop bekannt, sind die Sommer sehr warm und die Winter selten richtig kalt. Die Clubs heißen Club Ritz, Lavish Lounge, Pool Palace und Studio 72. Es kann immer sein, dass zwischen den gepimpten Limousinen, den Chevrolets, Audis und Lamborghinis ein getunter Traktor vorfährt – hier spielt die Stadt, die mit gut fünf Millionen Einwohnern deutlich kleiner ist als die Hip-Hop-Metropolen New York und Los Angeles, mit ihrem Image als Provinzstadt.

Die Mädchen haben auf noch mal anders beiläufige Art praktisch nichts mehr an, den Jungs hängt der Bund ihrer Hosen auf dem tiefsten Stand seit dem für die Musikszene in Atlanta so wichtigen Jahr 1992: Das Duo Kriss Kross brachte damals die von Jermaine Dupri produzierte Hitsingle Jump Jump heraus, im Video konnte man die Teenager-Rapper mit verkehrt herum sitzenden Jeans – Hosenlatz am Hintern – auf und ab hüpfen sehen.

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Atlanta, Stadt von Coca-Cola und CNN, ist das Zuhause von OutKast, Lil Jon und Usher, einiger der kommerziell erfolgreichsten Popstars der Gegenwart, Schlüsselfiguren des Hip-Hop , die so herrlich fremde, verspielte und durchgedrehte Namen haben wie Gucci Mane, Shawty Lo, Lil Scrappy, Ludacris und The-Dream. Der Sound von Atlanta, auch als Dirty South oder Crunk bezeichnet, gilt im Vergleich zu den Sounds von Ostküste und Westküste als besonders experimentierfreudig, als soulvoll, swinging, fingerlickin good.

Die Hip-Hop-Tycoons von Atlanta neigen dazu, sich als irre Märchenkönige zu inszenieren, als Raumfahrer und Zauberer, es sind die Nachfahren des Siebziger-Jahre-P-Funk -Königs Bootsy Collins. Der Glamour von Atlanta hat: mehr Muskeln, Farbe, Glanz, Gold, Schmuck. André 3000 von OutKast mag es, in der Garderobe des englischen Dandys aus dem 19. Jahrhundert (fliederfarbener Anzug, Melone) herumzulaufen, vom Produzenten und Rapper Lil Jon wird erzählt, er trage, wenn er die Striplokale von Atlanta aufsuche, einen mit Edelsteinen gefüllten Pokal mit sich herum – was für ein Theater!

Hip-Hop ist, wie keine Jugendkultur je zuvor, im Overground, in den Charts, bei den Massen angekommen. Die Bilder des New Yorker Fotografen Michael Schmelling zeigen die Clubs und die Straßen, aus denen der Pop seine Kraft zieht: Jene Codes, die sich in Zahngold, Masken, Tätowierungen und rasierten Augenbrauen ausdrücken, tun auch deshalb ihre Wirkung, weil sie eben nicht für jedermann zu entschlüsseln sind. Schmellings Fotos gucken den Betrachter mit einem Augenzwinkern an – das ist der Geist der Hip-Hop-Kinder von Atlanta: Schaut her, wir sind extra böse, wild, sexy, gefährlich. Aber, hey, vielleicht ist das alles auch nicht ganz ernst gemeint.

Auf einer Tankstelle in Berlin-Wedding konnte man neulich vier Homeboys mit Kapuzenpullovern und Lederblousons im Schneematsch herumstehen und sich mit Hip-Hop-Gesten begrüßen sehen. Das sah schon ziemlich gut aus. Atlanta war ganz weit weg. Und ganz wunderbar nah.