Wie ein Virus verbreitet sich der Verdacht des Kindesmissbrauchs in der Schullandschaft und bewahrheitet sich leider allzu oft. Der Verdacht keimte im vergangenen Dezember an einem Jesuitenkolleg in Berlin auf, sprang schnell über auf andere katholische Einrichtungen, dann auf die Reformpädagogik und einige ihrer Vordenker. Nach einem Jahr spricht nichts dafür, dass man das Übel unter Kontrolle hat. Weil es so bösartig ist. Weil man es nicht radikal genug bekämpft hat und so Schäden anrichtet, wo man es bis vor Kurzem nicht vermutet hätte.

Nun müssen sich die Bosch-Stiftung und die Jury des von ihr verliehenen Deutschen Schulpreises gegen den Vorwurf wehren, in der Debatte nicht klar genug Stellung bezogen zu haben. Intern brodelte der Konflikt, in dessen Zentrum Jurymitglied Enja Riegel steht, bereits seit dem Frühjahr. Die ehemalige Leiterin der Wiesbadener Helene-Lange-Schule, einer der Vorzeigeschulen der Republik, war eine Vertraute Gerold Beckers, des Haupttäters an der hessischen Odenwaldschule. Erst spät distanzierte sie sich von Beckers jahrelangen Übergriffen.

Die Kritik an Riegel verstärkte sich, als bekannt wurde, dass es in den achtziger Jahren auch an ihrer Schule zu Missbräuchen durch einen Lehrer gekommen war. Zwar entfernte sie ihn aus dem Unterricht, duldete aber, dass er weiter für die Schule tätig war, veröffentlichte gar noch ein Buch mit ihm. Als jetzt neue kinderpornografische Fotos des Lehrers aus der Helene-Lange-Schule auftauchten , trennte sich die Stiftung von Riegel. Die Jurysitzung wird an diesem Freitag ohne sie stattfinden.

Dem ging ein langes Tauziehen voraus. Schon frühzeitig machten zwei andere prominente Mitglieder des Gremiums gegenüber der Bosch-Stiftung klar, dass sie die Erklärungen Riegels auf einer Sondersitzung der Jury im April nicht überzeugt hatten: der Pisa-Forscher Manfred Prenzel und der Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, Erich Thies. "Ich wollte nicht kommentarlos weiter in einer Jury mitwirken", erklärt Prenzel, "in der ein Mitglied zwar sehr kritisch andere Schulen bewertet, sich aber blind gegenüber Missständen im eigenen Verantwortungsbereich gezeigt hat." Prenzel und Thies ließen die Mitgliedschaft in der Jury ruhen. Nachdem die Stiftung sich von Enja Riegel getrennt und unter anderem die Bildungsforscher Anand Pant und Olaf Köller in die Jury berufen hat, sind sie nun wieder an Bord.

Enja Riegel räumt ein, dass sie, gegen die Entscheidung des Schulrats, konsequenter gegen den Lehrer an ihrer Schule hätte vorgehen müssen, der Schüler missbraucht hat. Und dass sie sich früher und schärfer von Gerold Becker hätte lossagen müssen. "Aber ich habe alles getan, um Schaden von den Kindern abzuwenden und den Vorfall öffentlich zu machen", sagt sie. "Ich bin und war vollkommen unschuldig." Sie lasse ihre Mitarbeit in der Jury lediglich ruhen, bis die Vorwürfe gegen ihre Person aufgeklärt und entkräftet seien, um Schaden von der Bosch-Stiftung abzuwenden.