Der Mann, der die Geschichte auf seine Seite zwingen will, sitzt im Vestibül einer Villa und raucht sehr dünne Zigaretten. Josip Broz, den alle Joschka nennen, ist ziemlich grau im Gesicht, und in seinem zerknitterten schwarzen Anzug sieht er aus wie jemand, der seine besten Zeiten lange hinter sich hat. Er redet stockend, es ist schwierig, ihm zu folgen, weil neben ihm ein Mann in ein Mobiltelefon schreit, sein Bauch füllt ein Sweatshirt mit der Aufschrift "Harley-Davidson". Ein Dritter läuft mit steinerner Miene umher, er bleibt neben Broz stehen und verschränkt die Arme wie ein Bodyguard. Goldenes Licht fällt aus vier Kronleuchtern auf die drei Männer, Broz’ Gesicht bleibt trotzdem fahl.

"Ich kämpfe für die Arbeiter", sagt er mit knarzender Stimme. "Sie sind Sklaven, und ich werde sie befreien."

Sein Blick streicht über ein Ölbild. Es zeigt einen Mann in einer weißen Uniform mit funkelnder Ordensleiste. Es ist das Bild eines Mächtigen, der als gütiger Herrscher posiert und so pfauenhaft wirkt wie ein Filmstar. Joschka Broz will so sein wie er, nur deshalb ist er Politiker geworden, Vorsitzender der neu gegründeten kommunistischen Partei Serbiens . Nur deshalb hockt er jetzt mit seinen Kumpanen in dieser Villa, die er gerade bezogen hat. Mit 63 Jahren will er den berühmten Mann beerben.

Dieser ist sein Großvater, er hieß genauso wie er: Josip Broz. Besser bekannt war er als Tito. Bis zu seinem Tod 1980 war er einer der am höchsten angesehenen Staatsmänner der Welt, Präsident des sozialistischen Jugoslawien. Dort hing sein Foto in jeder Amtsstube, die Staatspropaganda machte aus ihm einen Gott. Er empfing Nikita Chruschtschow , traf sich mit John F. Kennedy und Willy Brandt. Er war Partisanenkämpfer, Diktator, Frauenheld, sein Leben war so schillernd, dass es bereits in den sechziger Jahren verfilmt wurde, mit Richard Burton in der Hauptrolle, der vorher vier Wochen bei Tito gelebt hatte, um jede Regung, jede Geste ausgiebig zu studieren.

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Tito schien zu leuchten wie kein anderer Politiker, man kann sich das heute kaum noch vorstellen. Seinem Volk trat er in Prachtuniform gegenüber wie ein Operettenkönig. Er verfügte über 32 Villen und lebte im Luxus, obwohl er persönlich nichts besaß und nach seinem Tod auch nichts vererbte. Die Sommer verbrachte er auf der Insel Brioni in der Adria, einem eigens für ihn abgeschotteten Paradies. Dort umgab er sich mit Stars, Sophia Loren hat dort für ihn Spaghetti gekocht. Seine Untertanen nahmen ihm sein üppiges Leben offenbar nicht mal übel. Erst als die Sozialistische Republik Jugoslawien 1991 zerbrach und Krieg über das Land kam , wurde Tito auf einmal für alles verantwortlich gemacht. Nun hieß es, er habe die Völker Jugoslawiens ihrer Identitäten beraubt und so die Saat für den Krieg gelegt. Von 1991 bis 1995 kamen mehr als 100.000 Menschen um.

Joschka Broz zündet sich noch eine Zigarette an, auf dem metallenen Feuerzeug blitzt ein Tito-Bild.

Welche Vision hat er für Serbien?

"Ich will das Alte nicht zurückbringen", sagt er, von einer Wiedervereinigung des alten Jugoslawien träume er nicht. "Aber man hat das Volk betrogen. Ich will die Privatisierungen rückgängig machen, Ärzte und Schulen sollen wieder kostenlos sein."

Seine Stimme ist die eines müden alten Mannes vor seiner allerletzten Prüfung. Manchmal zittert er ein wenig, das Leben muss ihm ziemlich zugesetzt haben. Die anderen serbischen Parteien ignorieren ihn, sie denken, so werden sie ihn wieder los. Journalisten nennen ihn eine lächerliche Figur. In Belgrad ist er bisher nur als Gastronom bekannt, und nicht gerade als erfolgreicher. Eigentlich gibt ihm fast niemand eine Chance in Serbien, aber wer weiß, vielleicht täuschen sie sich ja alle.

Broz’ Villa liegt im Diplomatenviertel Dedinje, einem der nobelsten Stadtteile Belgrads . Vor den Fenstern des Vestibüls hängen üppige Vorhänge, und es stehen so viele Tische herum, dass man meinen könnte, Broz rechne noch am selben Tag mit einem Ansturm von Unterstützern. Auf den Kaminsims haben er und seine Männer eine überlebensgroße Tito-Büste gewuchtet. Eine weite Treppe führt vom Erdgeschoss in einen Ballsaal, der den Prunk des 19. Jahrhunderts verströmt. Dort soll bald ein "serbisch-russischer Freundschaftsclub" einziehen, sie versuchen hier, die Zeit einfach 30 Jahre zurückzudrehen.

Man könnte das alles für einen Witz halten, aber Broz findet gar nichts dabei, sich als Kommunist alter Schule zu geben und zugleich so protzig aufzutreten. Seit November 2009 nennt er sich nun Parteivorsitzender, und vor der Tür parkt ein SUV von Hyundai, mit Blaulicht, falls er es mal eilig hat. Er ist richtig gut darin, sich wichtigzumachen, aber er tut ganz bescheiden. "Ich bin arm", brummt er, wenn man ihn fragt, woher er das Geld nehme, "Freunde haben das Haus für mich gemietet." Tito hat seinem Enkel nur den Namen hinterlassen und auch ein bisschen Größenwahn. Die nächste Wahl ist erst in zwei Jahren, aber Broz ist jetzt schon sicher, dass er das Parlament aufmischen wird. "Für die Zulassung zur Wahl fehlen mir nur noch ein paar Tausend Unterschriften."

Von der Wand in seinem Rücken scheint Lenin die Stirn zu runzeln über diesen Hochmut, auch er ist in Öl verewigt. Unter dem Bild stehen auf einer Anrichte schön aufgereiht vier Flaschen Slibowitz. Für heute hat Broz eine Parteisitzung anberaumt, sie ist auch eine Versammlung von Untoten, von längst vertrieben gewähnten Geistern.