Sie hatten die gleichen Ansichten, wenn Bouvard vielleicht auch liberaler war.
Gustave Flaubert, "Bouvard und Pecuchet"

Wenn zwei Männer in einem Alter, da der menschliche Verkehr, in dem sie sich bewegen, etwas nachläßt, aneinander festhalten, zu Freunden werden, so ist das eine große Seltenheit und eine Wahl der Erfahrung und des geprüften Affekts. Nirgends ist man so frei wie in der Wahl seiner Freunde – sofern sie nicht von beruflichen Interessen oder Vorteilssucht beherrscht wird. Dann enthält auch die späte Freundschaft im Kern etwas von der ersten, überschwenglichen, von Treueschwüren erhitzten, wenn zwei Spielkameraden sich gegen alle übrigen verbünden.

Es ist ja entlarvend genug, daß man heutzutage nur anrüchige Freundschaften kennt und ihnen mit misogynem Unterton den abschätzigen Pleonasmus der "Männerfreundschaft" anhängt.

Man stelle sich vor, Cicero oder Montaigne hätten so über die Freundschaft gedacht oder geschrieben – ihnen galt sie vielmehr als die "Krönung der Gesellschaft" und als einzig wertvolle und wünschenswerte Bindung außerhalb der Familie.

Wir fanden uns nicht zu einem bestimmten Zweck

Wir ergreifen keine kulturellen Initiativen. Wir bilden keine Bruderschaft in irgendjemandes Namen, den unseren übergeordnet. Wir grenzen, setzen und schirmen uns nicht ab. Wir führen keine Debatten. Wir haben als Freunde kein anderes Ziel, als einander in Übereinstimmung zu bringen. Er, der Schweizer Katholik, der Klosterschüler von Einsiedeln, dessen Glaube die Grundlage seiner Zuverlässigkeit und Bindungsfähigkeit ist, und sein etwas älterer Kumpan, ein Protestant, also eher das Lamm einer linken politischen Sammelbewegung als einer Kirche.

Wir gehen nun seit einigen Jahren erörternd am Ufer der Oder, kehren ein in den armseligsten Städtchen, die niemand je aus ihrer DDR-Verödung erlösen wird. Doch kein noch so betrübliches Gemäuer kann die Improvisationen unserer Gedanken- und Spazierschritte stören. Schließlich gehen wir die meiste Zeit in freier Aussicht, gänzlich allein in der weiten Landschaft der Polderwiesen und Kranichfelder.

Die Übereinstimmenden sind nicht die, die sich nie widersprechen; vielmehr wissen sie ihr Gespräch so gut zu modulieren, daß Reiztöne und dumpf Unausgesprochenes von einem zum anderen gar nicht erst übertragen werden. Daraus resultiert die Sicherheit und Gelöstheit, mit der sie ihre Unterhaltung führen. Der Dolch des rücksichtslosen Bekennens bleibt unterm Mantel – nein, keiner führt ihn mit sich.

Dafür genießen sie hin und wieder den Klatsch, verschaffen sich Erleichterung beim Kannegießern oder berauschen sich am Pläneschmieden. Dann werden in der unbegrenzten Abgeschiedenheit ihrer Zweiergesellschaft Projekte zu Projektilen, die alles Machbare durchlöchern.

Zu den Bedingungen einer autonomen, interessefreien Freundschaft gehören:

Keine Konkurrenz (er, der glänzende Erzähler, und ich, der Arbeiter am Satz – welchen Rang sollten wir einander ablaufen?)

Keine Frau im Bund (beide haben Familie, aber führen sie niemals zusammen)

Keine gemeinsamen Geschäfte (welche wohl?)

Kein ebenbürtiger dritter Freund ("Einer ist mir so viel wert wie zehntausend, wenn er einer der Besten ist", Heraklit)

Keine Sitzungen – immer nur Gänge.

Da es aber zwischen uns nichts gibt, was nicht mit einem geringen Dreh ins Komische sich wenden ließe, darf vielleicht an dieser Stelle ein Erzählhappen gereicht werden und eine milde Parodie auf unsere "unendliche Erörterung".

Ich dachte, da sitzt du nun mit dieser blassen Blonden, die aussieht wie eine Kirchentagshosteß, auf grünem Zweisitzer, fast auf Tuchfühlung. Beide blickt ihr geradeaus, blickt auf die Welt und knabbert Nüsse, trinkt vom hellen Wein, erregt euch über Allerweltsprobleme. Zwei Meinungsbegeisterte, gut aufeinander eingespielt, zwei zungenschnelle Sorgenträger haben sich da gefunden! Die Lust am Feststellen, die Lust, sich gegenseitig anzutreiben beim Urteilen, Schmähen, Niederreden, überflügelt offensichtlich die gesunde Lust, die für gewöhnlich zwischen den Geschlechtern die bloße Sympathie ablöst.

Eine Erörterungsleidenschaft steigt ins Blut, ein Stichwort gibt das andere, es muß alles gesagt sein, und an ein Schweigen, etwa von einem Kuß erzwungen, ist vorerst nicht zu denken. Stattdessen vibrieren die Lippen, sie beben sogar, kurz bevor ein hartes Urteil kommt, hoch angesetzt, gewagt, doch schon ist es heraus, Absprung vom Zehn-Meter-Turm, der Steg wippt nach... Ihre Knie klappen auf und zu wie das Maul eines Fischs, das stumm bleibt. Sie öffnen sich und schließen sich und bleiben in Bewegung, während die Erörterung auf hohe Touren kommt. Sie merkt es vor moralischer Erregung nicht, vor Erschütterung ihrer ganzen Meinungsseele. Plötzlich übereinandergeschlagen, verriegeln sie den Schoß. Dann wieder, bei einem Vorstoß von Protest, fahren sie auseinander, spreizen sich breit, die Absätze stechen in den Sisalteppich, der kurze Rock rutscht zurück über den fein gemuldeten Schenkeln, so daß jemand, der ihr antwortend gegenübersäße, mit seinem Eifer am Schatten ihrer Scham hängen bliebe.