Auf dem Foto sieht man einen glücklichen Mann mit buntem Schal, umringt von Menschen, er lacht. Doch als der Präsident sein Foto sieht, lacht er nicht. Stattdessen entfährt ihm ein wenig präsidiales: "Oh Scheiße."

Es ist Ende November, Christian Wulff befindet sich auf dem Rückflug von Tel Aviv, vier Tage lang hat er Israel besucht. Es war die erste große Reise, die er nicht von seinem Vorgänger Horst Köhler geerbt, sondern selbst geplant hat. Sie war ihm so wichtig, dass Wulff seiner 17-jährigen Tochter einen Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zugemutet hat, die so beeindruckend ist, dass man danach schweigen oder weinen möchte, auf keinen Fall aber einer Menge von Journalisten gegenüberstehen, die nur lauern, ob da nicht eine Träne im Auge zu sehen ist. Christian Wulff wollte also ein Zeichen setzen: Dem deutschen Staatsoberhaupt ist es maximal ernst mit der Freundschaft zu Israel und der deutschen Verantwortung.

Und nun droht ein Schnappschuss all die sorgsam inszenierten Bilder zu überlagern: Wulff in Bethlehem, begrüßt von begeisterten Palästinensern, einer hat ihm den Schal mit dem Konterfei von Jasir Arafat umgehängt. Wenige Sekunden nur hat es gedauert, bis Wulff die Gefahr erkannt und den Schal abgenommen hat. Deutsches Staatsoberhaupt lässt sich vereinnahmen – das ist die Botschaft, die sich mit diesem Bild transportieren ließe. Deshalb schimpft der Bundespräsident jetzt über "idiotische Medien", die alles verzerren und Absichten unterstellen, wo gar keine sind. Ausgerechnet Wulff, könnte man sagen.

Ein halbes Jahr ist er Bundespräsident, zu kurz für eine Bilanz, aber lang genug für eines der erstaunlichsten Comebacks des Jahres. Nach 77 Besuchen im In- und Ausland, 96 Reden, 57 Empfängen und 35000 zurückgelegten Kilometern lässt sich sagen: Wenn Gerhard Schröder der erste Medienkanzler war, dann könnte Wulff der erste Medienpräsident werden. Keiner seiner Vorgänger nutzte so gezielt und so gekonnt die Macht der Symbole, um Politik zu machen – und sich selbst gleichzeitig in Szene zu setzen. Nichts schien weniger wahrscheinlich nach dem missglückten Start.

Der Präsident mit Turban? Seine Mitarbeiter fanden das lustig

Von den CDU-Ministerpräsidenten war Wulff immer der mit der freundlichsten Fassade, aber auch der mit dem eingebauten doppelten Boden, einer, dem die zweite Natur zur ersten Natur geworden zu sein schien. Wie jeder Parteipolitiker stand er unter dem Verdacht, mehr werden zu wollen als nur Ministerpräsident, im Zweifel Kanzler. Und Wulff tat eine Menge, um dem Verdacht Vorschub zu leisten, er lavierte, taktierte, meistens aus der Deckung heraus. Nun ist er Bundespräsident, erster Mann im Staate. Wulff muss jetzt nichts mehr werden, er kann jetzt sein. Wer also ist er wirklich, wer will er sein?

Lockerer ist er geworden, ausgerechnet im höchsten Staatsamt. Am Jahrestag des Mauerfalls, dem 9. November 2010, steht Christian Wulff vor einem Modell des historischen Glasateliers im Filmpark Babelsberg. Eben hat er das Filmset zu den Drei Musketieren inspiziert und einen Werkstattrundgang absolviert. Vom Filmpark-Vorstand bekommt er zum Abschied eine Klappe geschenkt, wie sie beim Drehen verwendet wird. "Bundespräsident, erster Take", ist darauf vermerkt. "Toll", sagt Wulff trocken, "sonst klappt es ja bei mir immer erst im dritten Anlauf."