Warum musst du denn immer noch zur Schule gehen?", fragte ihre Mutter, als sie in der elften Klasse war. "Alle anderen sind doch schon fertig. Was ist bloß los mit dir?" Maria Held erinnert sich gerne an dieses Mutter-Tochter-Gespräch – schließlich hat es sie in ihrem Berufswunsch bestärkt, Lehrerin zu werden. Und das ist sie heute auch: Die 28-Jährige unterrichtet in Hamburg-Harburg an einer Handelsschule mit angeschlossenem Wirtschaftsgymnasium.

Was ein Gymnasium überhaupt ist, das hatte ihre Mutter damals schlicht nicht gewusst. Auch nicht, inwiefern es sich von einer Haupt- oder Realschule unterscheidet. Sie wusste nur: Wer nach zehn Jahren immer noch nicht fertig war, der bummelte. Dabei steuerte Maria auf das Abitur zu.

Maria Held ist 14, als sie mit ihren Eltern aus Russland nach Deutschland kommt. Deutsch muss sie "von null an lernen". Nach einem Vorbereitungsjahr kommt sie in die neunte Klasse eines Gymnasiums in Hamm, sie ist fleißig, schon in der zehnten Klasse kann sie in allen Fächern mitziehen. Nur mit den deutschen Mädchen hapert es anfangs: Die bleiben lieber unter sich. "Da muss man eben seinen Stolz überwinden und ihnen hinterhertelefonieren. Mit Diskriminierung hat das nichts zu tun", sagt sie, in dem Alter sei das eben so. Bald hat sie viele Freundinnen. 2002 macht Maria Held Abitur und beginnt, Biologie auf Lehramt zu studieren . Anfangs nur probeweise, die Zweifel sind noch groß: ob das überhaupt das Richtige ist, ausgerechnet Lehrerin, sie mit ihrer Einwanderungsgeschichte. Aber als sie dann auf ihren ersten Dozenten am pädagogischen Seminar trifft, einen Chinesen, dessen Deutsch manchmal schwer zu verstehen ist, denkt sie: Ich kann es. Und macht weiter.

"Ich will ein Vorbild sein", sagt sie heute. Zeigen, dass Einwandererkinder es in Deutschland sehr wohl schaffen können. "Ich möchte ihnen helfen, sich mehr zuzutrauen, ihnen Mut machen." Maria Held unterrichtet eine Klasse, in der 90 Prozent der Schüler ausländische Wurzeln haben. Viele könnten von ihrer Leistung her aufs Wirtschaftsgymnasium wechseln. Aber sie tun es nicht, erzählt Held. Allein das Wort Gymnasium schrecke sie ab. "Sie denken, das sei sowieso nichts für sie."

Politiker und Bildungsforscher wünschen sich möglichst viele Maria Helds. Denn die Klassenzimmer im Land sind längst multikulturell. In Städten wie Berlin, Hamburg, Köln oder Stuttgart hat inzwischen jeder Zweite unter 15 Jahren ausländische Wurzeln. Schulen mit einem Migrantenanteil von 80 oder 90 Prozent sind keine Seltenheit. In den Lehrerzimmern aber sind Pädagogen türkischer, russischer, polnischer oder italienischer Herkunft die Ausnahme. Nach Schätzungen liegt ihr Anteil gerade mal zwischen zwei und fünf Prozent .

Viel zu viele der Einwandererkinder verlassen die Schule ohne Abschluss, viel zu wenige schaffen es auf das Gymnasium und machen Abitur. Das gilt vor allem für die türkischstämmigen: 30 Prozent haben keinen Schulabschluss, nur 14 Prozent erreichen die Hochschulreife. Zwar hat die aktuelle Pisa-Runde gezeigt, dass Schüler mit Migrationshintergrund gewaltig aufgeholt haben. Aber der Abstand zu den deutschen Mitschülern ist immer noch groß: Er entspricht dem Lernfortschritt von mehr als einem halben Schuljahr.