Früher führten Kriminalromane und -filme uns Kleinbürger in die verschlossenen Sphären der Gesellschaft; unten und oben, Rotlichtmilieu und Unternehmervilla. Heute sind die Verhältnisse komplizierter. Alles ist offener und verborgener zugleich. Die Täter störten einst die Ordnung. Welche Ordnung?, fragen sich Detektiv und Verbrecher nun gegenseitig. Ihr Zorn tendiert zur Maßlosigkeit, kein Wunder. Schlechte Krimis tun so, als wäre nichts geschehen. Gute Krimis wissen, wo sie hinmüssen. Ins Herz der Finsternis.

Der Autor Søren Sveistrup versteht die Kunst, sich ihm von unterschiedlichen Orten aus zu nähern, wenn auch mit sehr eigener Methode. In Kommissarin Lund (Edel/ZDF) entwickelte er mit seinen Co-Autoren und Regisseuren in zehn 100-minütigen Folgen ein mapping der (dänischen) Gesellschaft am Rand des Zerfalls. Dabei stimmen die kriminalistische Dramaturgie sowie die Alltagsbeobachtung, und ganz im Gegensatz zu deutschen Tatort -Krimis erkauft sich Sveistrup seinen kritischen Blick nie durch Feel-good-Einheiten oder Gerechtigkeitshäppchen.

Für dies hier benötigt man Zeit. Der Titel Kommissarin Lund ist daher etwas irreführend, denn es geht nicht um die übliche Polizistin, die, mit ein paar persönlichen Problemen als Nebenschauplatz, in Serie die Welt in Ordnung bringt. Ein Hauch von Twin Peaks durchweht das Geschehen, wenn auch ganz ohne Mystik und Surrealismus; die Welt ist an ihrer realen Oberfläche schon unheimlich genug. Im Zentrum steht die Ermordung eines Mädchens, eine Tat von solcher Bosheit, dass sie nie mit den Mitteln von whodunit und Justiz bewältigt werden kann. Es ist nicht nur jeder und jede verdächtig, es ist ein Kreisen in einer verdächtigen Gesellschaft, eingeschlossen Politik, Sozialarbeit und Familie. 

Formal ist die zweite Staffel nicht einfach eine Variation der ersten. In den fünf neuen Folgen ist Kommissarin Lund in wahrhaft finstere Provinz abkommandiert, und im Privatleben ist alles nur noch schlimmer geworden. Die Chance einer Rehabilitierung ergibt sich, als sie die Ermittlungen beim Mord an einer Rechtsanwältin übernimmt, deren Leiche unweit der Gedenkstätte für Opfer des Zweiten Weltkriegs gefunden wurde. Schlüsselfiguren sind nun der Justizminister und ein in die Psychiatrie abgeschobener Soldat: Eine ohnehin kranke Gesellschaft hat sich durch das Engagement in Afghanistan zusätzlich infiziert. Und die Polizistin muss verzweifelt um einen Standpunkt kämpfen. Sofie Gråbøl spielt das wunderbar zurückgenommen, nichts von dem patenten und angeknackst-selbstbewussten Auftreten der deutschen Ermittlerinnen im Staatsdienst. Schließlich ist der Serientitel, obwohl die Kommissarin selber sich so wenig in den Vordergrund drängt, doch gerechtfertigt. Denn unter anderem geht es um die Frage, ob ein Mensch zugleich überleben und das Menschliche in sich bewahren kann. Nahe dem Herz der Finsternis, wie gesagt. Georg Seeßlen