Hört man ihre Story, bleibt nur trauriges Kopfschütteln. Sieht man den Film, dessen Titelheldin sie ist, fühlt man sich dennoch beglückt. Precious kommt aus Harlem und ist Analphabetin. Von ihrer Mutter wird sie gedemütigt, von ihrem HIV-positiven Vater vergewaltigt. Nun ist sie zum zweiten Mal schwanger.

Doch der Regisseur Lee Daniels sperrt in Precious (Euro Video) seine Heldin nicht in ihrem Schicksal ein. Vielmehr lässt er es sie meistern. In einer Schule lernt sie nicht nur lesen und schreiben, sondern auch, sich mithilfe der Sprache selbst auszudrücken. Statt weiterhin Ohrfeigen zu verteilen, wird sie aus dem Off zur wunderbar ironischen Kommentatorin ihres Lebens.

Nebenbei gönnt der Film seiner Heldin kleine Auszeiten in einer Fantasiewelt und macht die Künstlichkeit zur heilsamen Utopie: Die keifende Mutter wird zur zärtlichen Person, Precious selbst zum gefeierten Musicalstar in schrillen Klamotten. Schon sieht man sie wieder über die Straße in Harlem ziehen und spürt, dass dieses tonnengleiche Mädchen mit dem verschlossenen Gesicht dabei ist, einen ganz eigenen Groove zu finden. Go for it! Anke Leweke