Im Comicreich der DDR – Seite 1

Dies ist das Haus. Backsteinrot, betagt und stumm träumt es im winterlichen Ostberlin. Rollläden versperren die Fenster. Das eiserne Gatter: verschlossen. Kein Klingelschild nennt einen Namen. Den Pfad zum Haus deckt unberührter Schnee. Da, aus der Loggia flattert ein Rabe.

Dies ist das Haus? Die mythenumwallte Schöpfungsstätte von Hannes Hegens Comiczeitschrift Mosaik? Der Ort, wo die anarchistischen Kobolde Dig, Dag und Digedag erschaffen wurden? Der Ritter Runkel von Rübenstein, Runkels Rappe Türkenschreck, Adelaide von Möhrenfeld, seine holde Braut? Prinzessin Suleika, die teufelsbrüderlichen Adria-Korsaren, Mutawakkel, das vergoldete Krokodil, dessen kaiserlicher Herr Andronikus II. von 1282 bis 1328 Byzanz beherrschte... Hunderte Abenteuergestalten aus Historie und Fantasie hausten hier seit 1957 und verbanden sich zum längsten Bildroman der Weltgeschichte. Dann verschwanden die Digedags in einer ägyptischen Fata Morgana – ihr Schöpfer mit ihnen.

Offenbart hatte er sich nie. Wer war Hannes Hegen? Niemand kannte sein Gesicht. Keine Zeitung der DDR brachte je ein Interview. Als der Meister 1975 sein Werk abrupt beendete, raunte das Volk, die Regierung habe ihn mundtot gemacht, vielleicht sei er längst im Westen. Eigentlich heiße er wohl übrigens Hegenbarth.

Letzteres bestätigte sich jüngst. Am 30. November erhielt Johannes Hegenbarth das Bundesverdienstkreuz. Da wollen wir gratulieren.

Hallo! Haaallooo!!

Im Nebenhaus tut sich ein Fenster auf. Die Nachbarin sagt, der alte Herr zeige sich nur selten.

Der alte Herr Hegenbarth?

Die Frau nickt und empfiehlt, im Holzkasten links des Gatters eine Nachricht zu deponieren.

Also schreiben wir: wie gern wir ihn sprächen. Wie ungerecht es sei, dass ihn hierzulande jeder kenne, doch kaum einer im Westen. Dem wäre nun endlich abzuhelfen.

Ach, und die unvergesslichen Erinnerungen

der ostdeutschen Jugend: an Venedig, Konstantinopel, den Orient...

"Stellt euch vor, ihr hättet Schwingen wie ein Vogel und schwebtet über die blauen Wogen der Adria der Küste Italiens zu." So begann Heft 90, erschienen im Mai 1964. "Und denkt euch, ihr hörtet von fern her ein melodisches Klingen, das sich beim Näherkommen als das Geläut von vielen Glocken herausstellt. Ihr fliegt dem Schalle nach und seht vor euch aus dem Dunst, der über dem Meer liegt, eine Märchenstadt auftauchen, deren viele hundert Türme mit gold- und silberglänzenden Dächern dieses Geläut aussenden." Wahrhaftig, wir sehen das alles, auf einer feinst gezeichneten, köstlich kolorierten Doppelseite: Venedig aus der Luft, die meerumschlungene Serenissima, im Jahre 1284.

Wir blättern um und landen – auf dem Markusplatz

Wir blättern um und landen – auf dem Markusplatz. "Drei staubige Gestalten, eine große und zwei kleine, trotten auf müden Reittieren über die Steinplatten. Wenn ihre Nasen nicht zu sehen wären, würde man Dig und Dag gar nicht erkennen, so sehr sind sie in Eisen gepanzert. Sie bereuen es längst, einem Ritter das Versprechen gegeben zu haben, ihm überallhin zu folgen. Vor allem so einem wie dem Ritter Runkel von Rübenstein!" Der zieht gen Morgenland, auf der Suche nach einem Schatz, den einst sein kreuzfahrender Vater errang, aber vergraben musste, auf der Flucht vor den Sarazenen.

Der Sohn soll das Verlorene finden, geleitet von güldenen Ritterregeln, denn: "Ein Ritter, der den Weg nicht kennt, kommt niemals in den Orient." Zunächst braucht der Ritter ein Schiff; er denkt es sich wie seine fränkische Runkelburg, nur zu Wasser. Er eilt zum Dogen. Der entgeisterte Regent sieht den absurden Entwurf und fragt: "Haben Sie denn auch ein Heer?" Runkel weist auf seine Knappen Dig und Dag. Der Doge: "Das ist doch nicht Ihr Ernst, Signore!" – "Nein, meinen kleinen Bruder Ernst Runkel von Rübenstein habe ich zu Hause gelassen."

Tatsächlich bekommt Runkel sein Burgenschiff gebaut. Doch bevor unsere Helden in See stechen können, werden sie nach Genua entführt, wo man Runkel zum Podesta kürt, ihn nach blamabler Stierkampfniederlage wieder stürzt und samt den Digedags auf die Galeere schickt. Schiffbruch folgt, nach fataler Schlacht gegen den pisanischen Admiral Totalo Flauti. Das Schiff verbrennt – nicht Runkel, dank der Ritterregel: "Hinein ins Mittelmeer! Wenn das nicht hilft, weiß ich kein Mittel mehr." Rettung, neue Gefahren. Haarsträubende Abenteuer in Dalmatien! Todesurteil in Konstantinopel! In letzter Minute Begnadigung zur byzantinischen Fremdenlegion...

Immer wieder stoßen Dig und Dag auf Spuren ihres verschollenen Gefährten Digedag, der ihnen im alten Rom (Heft 20, Juli 1958) verloren ging. Sie hatten ein Leben vor Runkel und, gleichfalls früher, ein späteres, das in der Zukunft spielte. In Heft 25 entführte sie ein Raumschiff auf den Planeten Neos, wo es aussah wie am New Yorker Times Square. Sie waren im alten Ägypten, im Russland Katharinas der Großen, am Hofe des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Auch das Berlin Friedrich Wilhelm IV. kannten sie bestens, als Reporter der Vossischen Zeitung. Sie erlebten die Entwicklung der Dampfmaschine, sie erklärten Weltall, Erde, Mensch. Zuverlässig halfen sie den kleinen Leuten und sabotierten die Staatsgewalt. Am liebsten verulkten sie das Militär.

All das musste man lesen, schauen, haben. Doch die opulenten Hefte, obwohl hunderttausendfach gedruckt, waren kaum zu ergattern und wurden wie Goldstaub gehütet. Zum Tausch taugten westliche Luxusgüter: Matchbox-Autos, Disney-Produkte, Pornobilder. Deren vermeintlich sicheres Depot entdeckte Mutter im väterlichen Pfarramtszimmer, unter der evangelikalen Zeitschrift Frohe Botschaft für jedermann. Sie empfahl zügigen Weiterhandel. Fast hundert frühe Mosaike wurden so ertauscht und sammlerstolz in Ordner sortiert – gelocht! Wundschmerz, noch heute.

In Heft 141 tauchte Digedag wieder auf, nach zehn Jahren. In Heft 146 entriss Runkel seine Adelaide dem nebenbuhlerischen Grafen Kuck von Kuckucksberg. Ab Heft 152 reisten die Digedags durch Bürgerkriegs-Amerika. Heft 223 entrückte sie in die Ewigkeit. Mosaik erschien weiterhin, mit den Ersatzkobolden Abrax, Brabax und Califax, für künftige Kinder. Unsere Kindheit war vorbei.

Ein Buch zu Ehren des Comics

Vor kurzem ist ein epochales Buch erschienen: Die geheime Geschichte der Digedags. Die Publikations- und Zensurgeschichte des "Mosaik" von Hannes Hegen. Verfasst hat es der Leipziger Verleger Mark Lehmstedt. Mosaikern verschlägt dieses detektivisch recherchierte Werk der Liebe den Atem. Ungeweihten bietet Lehmstedts Opus eine brillante Kulturhistorie der DDR. Schön bebildert ist es auch. Von seiner Hauptperson wurde der Autor in keiner Weise unterstützt.

Man erfährt, dass im Jahre 1955 der junge Grafiker und Karikaturist Johannes Hegenbarth, ein sudetendeutscher Umsiedler, beim Ostberliner Verlag Neues Leben vorstellig wurde. Er offerierte den Plan zu einer lustigen Bilderzeitschrift. Der Verlag war interessiert, das Genre bedenklich. Comics galten als US-amerikanischer Unflat. Die DDR, insbesondere ihre Hauptstadt, lebte mit offener Westgrenze.

Eine Flut von "Schmutz und Schund" schwappte in die humanistisch knospende Republik. Zum Thema Comics stritten zwei ideologische Lager. Das eine forderte Verbot. Comics verherrlichten Gewalt, zerstörten die Sprache und das Lesen, vergewaltigten das Farbempfinden. Das andere Lager riet zur Gegenoffensive und wünschte anständige Comics überlegener Qualität.

Kulturpolitisch herrschte noch Tauwetter, zwischen Stalins Tod und Ungarnaufstand. Das war Hegenbarths Chance. Er unterzeichnete einen Vertrag über jährlich vier Bildhefte à 32 Seiten, wofür er je Heft 22.500 Mark erhielt. Ab Heft 7 erschien Mosaik monatlich mit jeweils 24 Seiten; Hegenbarths Honorar betrug fortan 12.000 Mark, ein DDR-Arbeiter verdiente damals etwa 400.

Hegenbarth experimentierte zunächst mit Charakter und Weichbild seiner Kobolde, deren Copyright er sich – völlig DDR-untypisch – schützen ließ. In den Heften 3 und 5 fehlten die Digedags gänzlich. Von Heft 16 an hatten ihre Hände fünf Finger, zuvor waren es vier, wie bei Walt Disneys Gestalten. Den Disney-Vergleich hat Hegenbarth immer von sich gewiesen. Er lag nahe, schon angesichts der Titel: hüben Mosaik von Hannes Hegen, drüben Walt Disney’s Micky Maus . Oder Rolf Kaukas Fix und Foxi .

In Qualität und Ambition übertraf Mosaik mit der Zeit die Westprodukte. Das war keinesfalls allein Hegenbarths Werk, obwohl er die Aura des solistischen Genies genoss. Erst im Impressum von Heft 55 fand sich der Vermerk: "Gestaltet im Mosaik -Kollektiv." Die Texte schrieb, die Geschichten entwickelte Lothar Dräger, der 1976, nach Hegenbarths Rückzug, als "künstlerischer Leiter" endlich ins Impressum rückte, neben neun weiteren Namen, von J.(oachim) Arfert bis G.(isela) Zimmermann: die Zeichner. Hegenbarth gab vor und riss auf, mit einer Vorliebe für Klamauk. Seine Zeichner führten aus. Juristisch waren die meisten Angestellte des Verlags Junge Welt, der das Heft seit 1960 edierte. Praktisch führte Hegenbarth das Mosaik wie ein Privatunternehmen. Er schulte seine Leute, ging mit ihnen ins Theater, ließ sie Akt zeichnen und historische Studien treiben. Figurinen wurden plastisch ausgeformt und zeitgenössisch gewandet. Zur Anschauung entstand ein akkurates Modell des alten Roms. Nach Rom reisen konnte man ja nicht.

Ein ziemlich vernichtendes Hegenbarth-Porträt findet sich in Einar Schleefs Tagebuch 1964–1976 (Seite 117f.): "Nur ein Ich", liest man, "brutales sich selbst feierndes Lachen [...], groß, derb, engstirnig [...]. Ein kleiner ungekrönter König in Ostberlin." Schleef war 1965 aus politischen Gründen von der Kunsthochschule Berlin-Weißensee geflogen und befand sich für vier Monate auf "Bewährung in der Produktion" beim Mosaik, als Modellbauer und Kolorist. Hegenbarth beurteilte ihn wohlwollend.

Geschmeidig focht der Mosaik- Chef an der Narrenfront. Wachsame Genossen bemängelten alles – den subjektiven Idealismus der Digedags, Jargon, orientalische "Sexbusen"... Jede Comic-Offensive gegen den Klassenfeind müsse scheitern, denn Dreck sei nicht mit Dreck zu bekämpfen, nur durch revolutionäre Parteilichkeit. Und so fort. Hegenbarth pflegte einzuwenden, mit Politik lasse sich kein Spaß fabrizieren. Erst mit dem Erscheinen von Retter Runkel gaben seine Widersacher auf. Das Handlungsjahr 1284 schien ideologisch unverdächtig.

Geschützt wurde das Mosaik von seinem riesigen Fanvolk, das allmonatlich 60 Pfennig berappte. Den Profit kassierte der Verlag, mithin dessen Besitzerin: die FDJ. Ausgangs der Runkel-Serie lag die Auflage bei 600.000 Exemplaren, zum Ende der DDR bei mehr als einer Million. Da hieß der ärgste Gegner des Mosaiks längst Johannes Hegenbarth.

Zwar blieben die Digedags sein juristisches Eigentum, bis heute. Auf den prachtvollen Sammelbänden steht unverändert Mosaik von Hannes Hegen. Doch gegen das Abrafax- Mosaik hat Hegenbarth zweimal vergeblich Plagiatsklagen angestrengt – 1976 und nach der Wende. Seine ehemaligen Mitstreiter erbitterte, dass er sie in der Klageschrift zu ausführenden Werkzeugen seines Genies erniedrigte.

Es ist tragisch, sagt der Biograf Mark Lehmstedt. Hegenbarth zerstört seinen Mythos, indem er niemand anders gelten lässt. Er tat, als habe er 1975 auf politischen Druck aufgehört, dabei hatte er sich verpokert. Statt zwölf Hefte pro Jahr wollte er nur noch sechs produzieren – sicher mit Gründen: Stress, Zeichnermangel, vielleicht Ermüdung. Er kündigte und dachte, der Verlag gebe nach, wie bei früheren Konflikten. Diesmal lief es anders, und seine Mannschaft machte ohne ihn weiter. Das empfand er als Verrat.

Was hat Hegenbarth nach 1975 gemacht?

Was hat Hegenbarth nach 1975 gemacht?

Nichts, sagt Lehmstedt. Es ist unbegreiflich.

Die Hegensche Kunst wirkt fort. Sie lebt in den Mäandern und Scharaden einer ostdeutschen Neuromantik. Das sieht man bei Neo Rauch. Das liest man bei Uwe Tellkamp. Der Turm ist das romangewordene Mosaik- Wimmelbild einer penibel ziselierten Märchen-DDR. Wir besuchten Tellkamp 2008 und gerieten alsbald in Streit darüber, ob der preußische Major Eitel-Egbert von Treskow auf seiner Hochzeitsreise nur in Triest gewesen sei. Nein, auch in Venedig!, rief Tellkamp, stürzte aufgeregt ins Nebenzimmer, zur Mosaik- Kiste, und fand triumphierend den Beweis (Heft 88, März 1964).

Zur Wendezeit beschilderten revolutionäre Mosaiker den Ostberliner Leninplatz als Ritter-Runkel-Platz. Westliche Mächte, mangelhaft gebildet, erwirkten leider dessen Umbenennung in Platz der Vereinten Nationen. In Leipzig inszenierte Volker Handloik die Ausstellung Die Digedags – ein Mythos . Später bereiste Handloik die Welt als Reporter für Geo, Merian und Mare . Für den Stern ging er nach Afghanistan. Am 12. November 2001 wurde er erschossen. Tollkühn saß er bei einer nächtlichen Fahrt auf dem Dach des Panzerwagens, als brause er, unverwundbar wie die Digedags, durchs wilde Kurdistan.

Johannes Hegenbarth ist nun 85 Jahre alt. Sein Haus blieb verschlossen, unser Brief wie ins Nichts gesandt. Eine andere Tür tat sich auf, in der Lindenallee 5, im tiefsten Westberlin, wo das heutige Mosaik entsteht. Es hat überlebt. Die Abrafax-Abenteuer erscheinen derzeit monatlich in mehr als 100.000 Exemplaren, bei wachsender Auflage, im Verlag Steinchen für Steinchen. Dessen (West-)Chef Klaus D. Schleiter wagte den Ritt über den Müggelsee. Dramatische Treuhand-Geschichten kann er erzählen und wie er den Einflüsterungen widerstand, Mosaik "westtauglich" zu machen. Wir bleiben unterscheidbar, sagt er: lustige Geschichten, gewaltfrei, mit historischem Hintergrund und Wissensvermittlung. Neulich habe in Hannover ein zehnjähriger Mosaik- Gelehrter für Korrekturen einer fehlerhaft beschrifteten Leibniz-Ausstellung gesorgt.

Mosaik ist das Volksmärchenbuch der Ostdeutschen, der Baedeker ihrer kindlichen Träume. Zum Tag der offenen Tür strömen drei Generationen. Sie wimmeln durchs Haus, sammeln Autogramme und schauen andächtig den Zeichnern zu. Mosaik ist unverändert Handarbeit, nur die Farben kommen heute vom Computer. Eine animierte Online-Edition gibt es auch, ebenso Ausgaben in Englisch, Griechisch, Ungarisch, Chinesisch... Zur DDR-Zeit war Exportversuchen kein Erfolg beschieden.

Auch die alten Zeichner kommen gern in die Lindenallee und erzählen von dunnemals. Ach, da sitzt ja, unermüdlich strichelnd, Lona Rietschel, die Erfinderin der Abrafaxe. 1960 kam sie zum Mosaik, geschätzt und gefördert von Hegenbarth, mit dem sie sich zeichnerisch gut verstanden habe.

Und persönlich?

Er war misstrauisch. Mattfolie an den Atelierfenstern, damit niemand reingucken konnte. Man kam nicht ganz nah an ihn heran. Wir waren alle per Sie mit ihm.

Wie konnten Sie diese fernen Welten zeichnen? Venedig, ohne es zu kennen?

Wir hatten Bücher, sagt Lona Rietschel. Nach der Wende war ich in Venedig. Auf dem Markusplatz hab ich den Fremdenführer gefragt: Wissen Sie eigentlich, dass hier mal ein Burgenschiff angelegt hat?