Vor kurzem ist ein epochales Buch erschienen: Die geheime Geschichte der Digedags. Die Publikations- und Zensurgeschichte des "Mosaik" von Hannes Hegen. Verfasst hat es der Leipziger Verleger Mark Lehmstedt. Mosaikern verschlägt dieses detektivisch recherchierte Werk der Liebe den Atem. Ungeweihten bietet Lehmstedts Opus eine brillante Kulturhistorie der DDR. Schön bebildert ist es auch. Von seiner Hauptperson wurde der Autor in keiner Weise unterstützt.

Man erfährt, dass im Jahre 1955 der junge Grafiker und Karikaturist Johannes Hegenbarth, ein sudetendeutscher Umsiedler, beim Ostberliner Verlag Neues Leben vorstellig wurde. Er offerierte den Plan zu einer lustigen Bilderzeitschrift. Der Verlag war interessiert, das Genre bedenklich. Comics galten als US-amerikanischer Unflat. Die DDR, insbesondere ihre Hauptstadt, lebte mit offener Westgrenze.

Eine Flut von "Schmutz und Schund" schwappte in die humanistisch knospende Republik. Zum Thema Comics stritten zwei ideologische Lager. Das eine forderte Verbot. Comics verherrlichten Gewalt, zerstörten die Sprache und das Lesen, vergewaltigten das Farbempfinden. Das andere Lager riet zur Gegenoffensive und wünschte anständige Comics überlegener Qualität.

Kulturpolitisch herrschte noch Tauwetter, zwischen Stalins Tod und Ungarnaufstand. Das war Hegenbarths Chance. Er unterzeichnete einen Vertrag über jährlich vier Bildhefte à 32 Seiten, wofür er je Heft 22.500 Mark erhielt. Ab Heft 7 erschien Mosaik monatlich mit jeweils 24 Seiten; Hegenbarths Honorar betrug fortan 12.000 Mark, ein DDR-Arbeiter verdiente damals etwa 400.

Hegenbarth experimentierte zunächst mit Charakter und Weichbild seiner Kobolde, deren Copyright er sich – völlig DDR-untypisch – schützen ließ. In den Heften 3 und 5 fehlten die Digedags gänzlich. Von Heft 16 an hatten ihre Hände fünf Finger, zuvor waren es vier, wie bei Walt Disneys Gestalten. Den Disney-Vergleich hat Hegenbarth immer von sich gewiesen. Er lag nahe, schon angesichts der Titel: hüben Mosaik von Hannes Hegen, drüben Walt Disney’s Micky Maus . Oder Rolf Kaukas Fix und Foxi .

In Qualität und Ambition übertraf Mosaik mit der Zeit die Westprodukte. Das war keinesfalls allein Hegenbarths Werk, obwohl er die Aura des solistischen Genies genoss. Erst im Impressum von Heft 55 fand sich der Vermerk: "Gestaltet im Mosaik -Kollektiv." Die Texte schrieb, die Geschichten entwickelte Lothar Dräger, der 1976, nach Hegenbarths Rückzug, als "künstlerischer Leiter" endlich ins Impressum rückte, neben neun weiteren Namen, von J.(oachim) Arfert bis G.(isela) Zimmermann: die Zeichner. Hegenbarth gab vor und riss auf, mit einer Vorliebe für Klamauk. Seine Zeichner führten aus. Juristisch waren die meisten Angestellte des Verlags Junge Welt, der das Heft seit 1960 edierte. Praktisch führte Hegenbarth das Mosaik wie ein Privatunternehmen. Er schulte seine Leute, ging mit ihnen ins Theater, ließ sie Akt zeichnen und historische Studien treiben. Figurinen wurden plastisch ausgeformt und zeitgenössisch gewandet. Zur Anschauung entstand ein akkurates Modell des alten Roms. Nach Rom reisen konnte man ja nicht.

Ein ziemlich vernichtendes Hegenbarth-Porträt findet sich in Einar Schleefs Tagebuch 1964–1976 (Seite 117f.): "Nur ein Ich", liest man, "brutales sich selbst feierndes Lachen [...], groß, derb, engstirnig [...]. Ein kleiner ungekrönter König in Ostberlin." Schleef war 1965 aus politischen Gründen von der Kunsthochschule Berlin-Weißensee geflogen und befand sich für vier Monate auf "Bewährung in der Produktion" beim Mosaik, als Modellbauer und Kolorist. Hegenbarth beurteilte ihn wohlwollend.

Geschmeidig focht der Mosaik- Chef an der Narrenfront. Wachsame Genossen bemängelten alles – den subjektiven Idealismus der Digedags, Jargon, orientalische "Sexbusen"... Jede Comic-Offensive gegen den Klassenfeind müsse scheitern, denn Dreck sei nicht mit Dreck zu bekämpfen, nur durch revolutionäre Parteilichkeit. Und so fort. Hegenbarth pflegte einzuwenden, mit Politik lasse sich kein Spaß fabrizieren. Erst mit dem Erscheinen von Retter Runkel gaben seine Widersacher auf. Das Handlungsjahr 1284 schien ideologisch unverdächtig.

Geschützt wurde das Mosaik von seinem riesigen Fanvolk, das allmonatlich 60 Pfennig berappte. Den Profit kassierte der Verlag, mithin dessen Besitzerin: die FDJ. Ausgangs der Runkel-Serie lag die Auflage bei 600.000 Exemplaren, zum Ende der DDR bei mehr als einer Million. Da hieß der ärgste Gegner des Mosaiks längst Johannes Hegenbarth.

Zwar blieben die Digedags sein juristisches Eigentum, bis heute. Auf den prachtvollen Sammelbänden steht unverändert Mosaik von Hannes Hegen. Doch gegen das Abrafax- Mosaik hat Hegenbarth zweimal vergeblich Plagiatsklagen angestrengt – 1976 und nach der Wende. Seine ehemaligen Mitstreiter erbitterte, dass er sie in der Klageschrift zu ausführenden Werkzeugen seines Genies erniedrigte.

Es ist tragisch, sagt der Biograf Mark Lehmstedt. Hegenbarth zerstört seinen Mythos, indem er niemand anders gelten lässt. Er tat, als habe er 1975 auf politischen Druck aufgehört, dabei hatte er sich verpokert. Statt zwölf Hefte pro Jahr wollte er nur noch sechs produzieren – sicher mit Gründen: Stress, Zeichnermangel, vielleicht Ermüdung. Er kündigte und dachte, der Verlag gebe nach, wie bei früheren Konflikten. Diesmal lief es anders, und seine Mannschaft machte ohne ihn weiter. Das empfand er als Verrat.