Was hat Hegenbarth nach 1975 gemacht?

Nichts, sagt Lehmstedt. Es ist unbegreiflich.

Die Hegensche Kunst wirkt fort. Sie lebt in den Mäandern und Scharaden einer ostdeutschen Neuromantik. Das sieht man bei Neo Rauch. Das liest man bei Uwe Tellkamp. Der Turm ist das romangewordene Mosaik- Wimmelbild einer penibel ziselierten Märchen-DDR. Wir besuchten Tellkamp 2008 und gerieten alsbald in Streit darüber, ob der preußische Major Eitel-Egbert von Treskow auf seiner Hochzeitsreise nur in Triest gewesen sei. Nein, auch in Venedig!, rief Tellkamp, stürzte aufgeregt ins Nebenzimmer, zur Mosaik- Kiste, und fand triumphierend den Beweis (Heft 88, März 1964).

Zur Wendezeit beschilderten revolutionäre Mosaiker den Ostberliner Leninplatz als Ritter-Runkel-Platz. Westliche Mächte, mangelhaft gebildet, erwirkten leider dessen Umbenennung in Platz der Vereinten Nationen. In Leipzig inszenierte Volker Handloik die Ausstellung Die Digedags – ein Mythos . Später bereiste Handloik die Welt als Reporter für Geo, Merian und Mare . Für den Stern ging er nach Afghanistan. Am 12. November 2001 wurde er erschossen. Tollkühn saß er bei einer nächtlichen Fahrt auf dem Dach des Panzerwagens, als brause er, unverwundbar wie die Digedags, durchs wilde Kurdistan.

Johannes Hegenbarth ist nun 85 Jahre alt. Sein Haus blieb verschlossen, unser Brief wie ins Nichts gesandt. Eine andere Tür tat sich auf, in der Lindenallee 5, im tiefsten Westberlin, wo das heutige Mosaik entsteht. Es hat überlebt. Die Abrafax-Abenteuer erscheinen derzeit monatlich in mehr als 100.000 Exemplaren, bei wachsender Auflage, im Verlag Steinchen für Steinchen. Dessen (West-)Chef Klaus D. Schleiter wagte den Ritt über den Müggelsee. Dramatische Treuhand-Geschichten kann er erzählen und wie er den Einflüsterungen widerstand, Mosaik "westtauglich" zu machen. Wir bleiben unterscheidbar, sagt er: lustige Geschichten, gewaltfrei, mit historischem Hintergrund und Wissensvermittlung. Neulich habe in Hannover ein zehnjähriger Mosaik- Gelehrter für Korrekturen einer fehlerhaft beschrifteten Leibniz-Ausstellung gesorgt.

Mosaik ist das Volksmärchenbuch der Ostdeutschen, der Baedeker ihrer kindlichen Träume. Zum Tag der offenen Tür strömen drei Generationen. Sie wimmeln durchs Haus, sammeln Autogramme und schauen andächtig den Zeichnern zu. Mosaik ist unverändert Handarbeit, nur die Farben kommen heute vom Computer. Eine animierte Online-Edition gibt es auch, ebenso Ausgaben in Englisch, Griechisch, Ungarisch, Chinesisch... Zur DDR-Zeit war Exportversuchen kein Erfolg beschieden.

Auch die alten Zeichner kommen gern in die Lindenallee und erzählen von dunnemals. Ach, da sitzt ja, unermüdlich strichelnd, Lona Rietschel, die Erfinderin der Abrafaxe. 1960 kam sie zum Mosaik, geschätzt und gefördert von Hegenbarth, mit dem sie sich zeichnerisch gut verstanden habe.

Und persönlich?

Er war misstrauisch. Mattfolie an den Atelierfenstern, damit niemand reingucken konnte. Man kam nicht ganz nah an ihn heran. Wir waren alle per Sie mit ihm.

Wie konnten Sie diese fernen Welten zeichnen? Venedig, ohne es zu kennen?

Wir hatten Bücher, sagt Lona Rietschel. Nach der Wende war ich in Venedig. Auf dem Markusplatz hab ich den Fremdenführer gefragt: Wissen Sie eigentlich, dass hier mal ein Burgenschiff angelegt hat?