Es ist wahrscheinlich, dass Europas Regierungschefs demnächst Dinge beschließen, die Deutschland derzeit noch ablehnt. Dann könnte es gemeinsame Anleihen geben, sogenannte Eurobonds , mit denen Staaten wie Irland, Portugal oder Spanien günstiger an Geld kommen. Viel spricht dafür, dass aus dem Rettungsschirm für bedrohte Staaten – 750 Milliarden Euro groß – bald eine Rettungsgarantie in unbegrenzter Höhe wird. Europas Regierungen würden den Zusammenhalt der Eurozone sichern, so wie die Bundesregierung im Herbst 2008 die Spareinlagen der Bürger sicherte.

Zu groß ist die Krise der Währungsunion , zu erschüttert das Vertrauen in die Solidität des Euro. Europa steckt in einer Vertrauenskrise, und Vertrauen lässt sich nur wiederherstellen, wenn die Regierungen zu wirklich ungewöhnlichen Mitteln greifen – wenn sie zum Äußersten gehen.

Die Bundesregierung wird all das mittragen . Weil sich so ein Schwenk schwer erklären lässt, wird man diese Entscheidungen den Bürgern als "alternativlos" verkaufen. So war es bei der Rettung der Banken (alternativlos) und bei der Rettung der Unternehmen (alternativlos). Und so ist es auch jetzt bei der Rettung des Euro. "Alternativlos" ist das Wort dieser Krise.

Das Problem nach zwei Jahren Krise ist nur, dass die Bürger der Regierung dieses Wort nicht mehr glauben. Mit dem Begriff "alternativlos" lässt sich alles begründen und vieles kaschieren. Eigene Versäumnisse zum Beispiel. So könnte es sein, dass am Ende zwar der Euro gerettet ist – die deutsche Gesellschaft aber das nicht mehr mitträgt.

Es ist ja nicht so, dass eine Lage von vornherein alternativlos ist. Womöglich haben es viele Politiker einfach nur verlernt, in Alternativen zu denken.

Die Eurokrise ist dafür ein guter Beleg. Denn alles, was jetzt an Rettungsmaßnahmen diskutiert wird, ist ja nicht neu. Gemeinsame Anleihen, das finanzielle Einstehen füreinander im Krisenfall, aber auch eine engere Koordinierung der Wirtschafts-, Steuer- und Finanzpolitik: All das hätte man schon zu Beginn der Europäischen Währungsunion haben können. Nur entsprach es eben nicht der damaligen Denke, es war gegen den Mainstream oder schlicht unvorstellbar.

Vor allem die Deutschen wehrten sich gegen eine enge Verzahnung der nationalen Staaten – aus Prinzip. Das holt die schwarz-gelbe Bundesregierung jetzt ein. Und es ist mit ein Grund dafür, dass nicht nur die Regierungschefs Europas über den richtigen Weg der Eurorettung streiten, sondern auch die Regierungsmitglieder der Koalition in Berlin.

Es ist der Montagabend dieser Woche, und der Mann, der so sehr für den Erhalt des Euro streitet, soll sich jetzt mit einem Gewerkschaftsboss auseinandersetzen. Wolfgang Schäuble ist zu einer Diskussion in die Berliner Zentrale der Konrad-Adenauer-Stiftung gekommen, wenige Meter neben ihm sitzt DGB-Chef Michael Sommer. Um das "Zusammenwirken von Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften" in der Krise soll es gehen. Aber das ist nicht Schäubles Thema. Ihm geht es darum, wie die Regierung in diesen Tagen zusammenwirkt, oder besser gesagt: Warum sie nicht zusammenwirkt. Bloß ist das nichts für die Öffentlichkeit.

Noch zu Beginn dieses Jahres ehrte das amerikanische Magazin Time Angela Merkel als "Frau Europa" . Elf Monate später käme außerhalb Deutschlands wohl niemand mehr auf diese Idee. "Uneuropäisch" nannte Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker die Position Merkels vergangene Woche in der ZEIT . Jetzt gilt Schäuble als letzter Europäer innerhalb der schwarz-gelben Regierung. Vergangene Woche kürte die Financial Times ihn zum Finanzminister des Jahres.