Jetzt ist sie allgegenwärtig, die grobe Blonde, das neue Gesicht des rechtsradikalen Partei Front National (FN). Marine le Pen ist seit einer Woche Hauptthema der französischen Öffentlichkeit. Mag es auch leichter fallen, sich die Tochter des 82-jährigen Parteipaten Jean-Marie Le Pen als Verwalterin eines Campingplatzes vorzustellen denn als Präsidentin im Élysée-Palast, so würden ihr doch, jüngsten Umfragen zufolge, 14 Prozent im Falle einer Kandidatur im Jahr 2012 für das höchste Amt die Stimme geben; in der Arbeiterschaft wäre es gar ein Fünftel. Das Stimmungsbarometer Ipsos ermittelte 27 Prozent der Franzosen, die eine positive Meinung von der 42Jährigen haben.

Der Durchbruch war der Donnerstagabend vergangener Woche: 95 Fernsehminuten, in denen die Frau mit der lauten Raucherstimme alle niederrang, die gegen sie angetreten waren. Ihre Unerschütterlichkeit und Schlagfertigkeit ließen die ehemalige Justizministerin Rachida Dati, von der nur die aufgerissenen Augen in Erinnerung bleiben werden, sprachlos zurück. Am Samstag darauf hatten weder die Regierungspartei UMP noch die Sozialisten eine Chance, mit ihren Parteitagen die Aktualität zu bestimmen.

Deren Sprecher flüchteten sich daraufhin in die Behauptung, die Tochter sei wie der Vater. Ein Fall von Realitätsverweigerung – die Mutter dreier Kinder, zweifach geschieden, verkörpert eine andere Wirklichkeit als der böse Alte. Er entspricht dem Typus des verbitterten Provinznotars, sie dem des wütenden Marktweibs. Wo er sich in beziehungsreichen Gehässigkeiten ergeht, ist sie ganz Direktheit. Wenn er ein hinterhältiges Grinsen aufsetzt, zieht sie im Gespräch schon mal clowneske Grimassen und streckt die Zunge heraus, etwa wenn sie davon spricht, dass der FN verteufelt werde. Ihn zu "entdiabolisieren" ist sie vor zehn Jahren angetreten und hat zu diesem Zweck mehr als einmal Distanz zum Patriarchen demonstriert.

Als sie jetzt im Fernsehen befragt wurde, ob auch sie die Gaskammern der Nazis wie ihr Vater für ein "historisches Detail" hielte, antwortete sie vorsichtig, in diesen Dingen anders als er zu denken. "Die Ideologie" des Nationalsozialismus sei "abscheulich". Zu mehr rang sie sich nicht durch, denn ganz hat sie die Brücken zu jenem Teil der Partei nicht abgebrochen, der in Marschall Pétain, Staatschef zur Zeit der Okkupation durch die Deutschen, einen Patrioten sieht. Schließlich will Marine Le Pen Vorsitzende und Präsidentschaftskandidatin ihrer Partei werden; die Schlacht um die Macht tobt bis zum Parteitag Mitte Januar.

Am Freitagabend besuchte sie Lyon, ein Territorium ihres innerparteilichen Gegenspielers, des 60-jährigen Antisemiten Bruno Gollnisch. Dort zeigte sie ihm, der ständig die Vergangenheit heraufbeschwört, was rhetorisches Aikido ist. Auch Marine Le Pen sprach von "Okkupation": Heutzutage seien französische Straßen jeden Freitag von betenden Muslimen besetzt. Es gebe Orte, "in denen es nicht gut ist, Frau zu sein, homosexuell oder Jude, nicht einmal französisch oder weiß". Damit deutete sie erstens eine Absage an Antisemitismus, Homophobie und Vergangenheitsfixiertheit an, gewann zweitens dennoch den Beifall der versammelten Ultrarechten – und stellte drittens sicher, dass ein Sturm der Entrüstung ihren Auftritt bis in den letzten Haushalt bekannt machte.