Am Ende des zweiten Akts, nach vier Stunden schmählicher Schmach, endlosen Grimms und Götternot sowie jeder Menge schwarzer Dämpfe, schwülem Gedünst und feuriger Lohe, fühlt man sich, als hätte man einen Flugzeugabsturz überlebt. Einen Herzschlag lang wandelt kein Premierenpublikum mehr durch das Foyer der Scala, sondern eine Schicksalsgemeinschaft. Die sich in dieser zweiten, letzten Pause vor dem Schlussakt in einem jähen Anfall von Verbundenheit zulächelt. Plötzlich ist man eins mit den Mailänder Damen und ihren Diamantringen, die über schwarzen Tafthandschuhen getragen werden, mit den vierreihigen Perlenketten, die sich an faltige Hälse schmiegen, den brillantenbesetzten Kruzifixen, die auf dem Dekolleté ruhen, vereint auch mit den greisen Ehemännern in ihren engen Lackschuhen, die in der Schlange vor der Herrentoilette verzweifelt versuchen, mit Captain Kirk aus der Serie Star Trek Beam me up, Scotty -Botschaften in ihre iPhones zu tippen.

Komtessen, Industrielle, Staatsanwälte, Minister von Berlusconis Gnaden, Showgirls, Verlegerinnen, Sponsoren, Kulturdezernenten, all jene, die sich beim Einzug in die Scala noch nach Kräften ignoriert haben, rufen sich jetzt im Vorbeigehen ein "Lebt ihr noch?" zu. Das Wunder der Musik. So viel kann die Walküre bewirken. Der letzte Akt, so heißt es, sei das Schönste, nun werde die Mühsal mit dem Walkürenritt belohnt und mit dem ergreifenden Duett zwischen Wotan und seiner Lieblingstochter. Nichts gegen Wagner, zischelt eine Dame, aber eine schöne Gesangsstelle hat man sich nach vier Stunden Warterei ja wohl auch verdient.

Wenn man dem Corriere della Sera glaubt, dem zufolge die Saisoneröffnung in der Scala die Seelenlage der italienischen Gesellschaft widerspiegele, dann ist Italien an diesem Abend das, was es eigentlich nie ist: einig. Vereint in der Ablehnung von Berlusconis Spardekret, das vorsieht, den staatlichen Kulturetat um ein Drittel zu kürzen, um 113 Millionen des einstigen Budgets von 340 Millionen, weshalb ein von der Nationalhymne berauschter Zuschauer dem in der Königsloge sitzenden Staatspräsidenten und ehemaligen Kommunisten Napolitano ein enthusiasmiertes "Evivva il Presidente!" zuwirft, ungeachtet der Petitesse, dass es doch der Präsident selbst war, der das Gesetzesdekret unterzeichnete. Einig ist sich das Publikum auch in der Verdammung der Videoinstallationen, mit denen Guy Cassiers seine Regie ersetzte (miteinander ringende Leiber, Wolfsköpfe, sich extatisch aufbäumende Streitrösser) – und die wegen eines Projektorausfalls zeitweilig an einen misslungenen Diaabend erinnerten.

Unisono spottet man über die roten Infrarotleuchten, die Brünnhilde im Schlussakt – "herauf, wabernde Lohe" – wie ein gigantisches Erkältungswärmebad umlodern. Lästert über die Vorliebe des Bühnenbildners Tim Van Steen für Buckel und ausgestopfte Gesäße, um am Ende 14 Minuten lang zu applaudieren, Rosen regnen zu lassen – vor allem auf Brünnhilde (Nina Stemme), Sieglinde (Waltraud Meier) und Fricka (Ekaterina Gubanova), aber auch auf Wotan (Vitalij Kowaljow) und Siegmund (Simon O’Neill), obwohl sie Wagners Stabreime zermalmten. Und um am Ende den Dirigenten Daniel Barenboim als Meister aller Zeiten zu preisen. Dies umso mehr, als sich der Maestro mit dem Verlesen des neunten Artikels der italienischen Verfassung ("Die Republik unterstützt die Entwicklung der Wissenschaft und der Künste, schützt die Landschaft und das nationale Kunst- und Kulturgut") noch vor dem ersten Taktschlag in die Herzen des Publikums gespielt hat.

Einig ist man sich auch mit den Demonstranten vor der Scala, mit den Studenten, mit den Gewerkschaftern und den Abgesandten der römischen Oper und des Mailänder Piccolo Teatro, die gegen die Kürzungen des Kulturetats, gegen die Bildungsreform und die Einstürze von Pompeji protestieren – die zur Metapher für das Land wurden: Nicht weniger als das Haus der Gladiatoren und das Haus des Moralisten brachen zusammen. Einstürze, die laut des kümmerlichen Resümees des Kulturministers Sandro Bondi am Regen gelegen hätten. Und nicht an der fehlenden Pflege des Weltkulturerbes.

Am Geld für Pompeji mangele es nicht, sagte der Minister, zwei Millionen Euro stünden zur Verfügung. Sie wurden freilich, wie der Espresso feststellte, nicht für den Erhalt ausgegeben, sondern für Zäune (99.000 Euro), für das Schauspiel Pompeji auf der Bühne (113.000 Euro), für ein multimediales Projekt im Haus des Polibio (955.000 Euro), für das Projekt "Archäologie und Synästhesie" (547.000 Euro), für die Beseitigung von 19 beschädigten Straßenleuchten (12000 Euro) oder für das Einfangen streunender Hunde (102.000 Euro). Was die englische Kunsthistorikerin Mary Beard auf die Idee brachte, ein internationales Bündnis zur Rettung des Weltkulturerbes Pompeji zu schließen.

"Es regnet seit 2900 Jahren in Pompeji, nur ihr habt es geschafft, alles zusammenbrechen zu lassen!", steht trotzig auf einem Transparent vor der Scala. Erst in den Abendnachrichten werden die Demonstranten von dem kleinen, versprengten Haufen, der zu den Klängen der Internationalen seine Spruchbänder im Nieselregen schwenkt, ein paar Chinaböller und eine Rauchbombe krachen lässt, zu apokalyptischen Reitern verzerrt.