Im Keller des Columbia Hotel Casino Travemünde fertigt Yvonne Reh Schokoladentrüffeln. Vor der Chefin der Patisserie liegen 50 braune Hohlkörper, bestehend aus zwei mit Schokolade zusammengeleimten Halbkugeln. Beim Gießen der Ummantelung müssen die Formen ständig gedreht werden, damit sie nicht mit der flüssigen Schokolade volllaufen.

Das Rohmaterial für die Trüffeln stammt aus einem Sack, zehn Kilo schwer, der mit Schokoladentropfen à fünf Gramm, sogenannten Pellets, gefüllt ist. Hergestellt wurden sie vom Schweizer Konzern Barry Callebaut, dem größten Schokoladen- und Kakaofabrikanten der Welt. Zu ihm gehören auch die Marken Sarotti, Van Houten und Bensdorp. Das börsennotierte Unternehmen beliefert die Nahrungsmittelgiganten Kraft und Nestlé, aber auch den Feinkostladen Käfer und den belgischen Pralinenfabrikanten Godiva. Jährlich 1,3 Millionen Tonnen Kakao, das ist fast ein Drittel der Weltproduktion, verarbeiten die 7500 Angestellten des Konzerns an 40 Produktionsstätten. Der Jahresumsatz betrug zuletzt umgerechnet knapp vier Milliarden Euro.

Kakao ist ein gutes Geschäft, so man nicht Bauer in der Elfenbeinküste ist, wo 40 Prozent des Rohstoffes weltweit angebaut werden. Die Kakaopflücker erhielten bisher gerade mal 60 Cent pro Kilo, sagt Frank Bremer von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. Zu wenig zum Leben. Für die Ernte dieser Saison bekommen die Bauern nun 1,20 Euro. Dagegen notierte der Kakaopreis an der Londoner Warenterminbörse LIFFE, an der drei Viertel aller Kakaokontrakte zu je zehn Tonnen gehandelt werden, am Dienstag bei umgerechnet 2,25 Euro pro Kilo. Dort sind auch Konzerne wie Barry Callebaut aktiv; 70 Prozent seiner Kosten entfallen auf Rohstoffe. Mit Warentermingeschäften und Optionen kann er den Preis festlegen, zu dem er den Rohstoff künftig kauft, und sich gegen steigende Preise absichern.

Anderen dagegen dient der Handel mit Kakao nicht zur Absicherung, sondern zur Spekulation. Es sind Leute wie Anthony Ward, Kakaospezialist des Londoner Großhändlers Armajaro. Dieser verwaltet 1,5 Milliarden US-Dollar von Investoren in Hedgefonds, unter ihnen einen Kaffee- und Kakao-Fonds. Daneben vertreibt er über eigene Warenlager und Speditionen in den Hauptanbauländern große Mengen des Rohstoffs. Viel mehr ist über das Unternehmen nicht bekannt, obgleich es häufig in den Schlagzeilen ist. Zuletzt im Juli dieses Jahres. Da brachte Armajaro den Markt zum Beben.

Bereits in den Jahren zuvor war die Produktion bei steigender Nachfrage rückläufig, die Lagerbestände neigten sich dem Ende, der Preis stieg. Wie erwartet, kletterte er im Sommer an der LIFFE dann noch höher. Plötzlich aber explodierte der Kakaopreis. Binnen weniger Stunden schoss der Kurs auf ein 33-Jahres-Hoch. Jemand hatte Kontrakte im Wert von einer Milliarde Pfund Sterling an sich gerissen. Alle Finger zeigten auf Anthony Ward und Armajaro. Der Händler, so der Vorwurf, habe "cornering the market" betrieben und den Markt manipuliert.

Vermutlich saß Armajaro, wo sich zu den Vorgängen niemand offiziell geäußert hat, auf Warenterminkontrakten für 500.000 Tonnen. Derartige Verträge werden gegen eine Sicherheit von zwei bis zehn Prozent des Wertes gehandelt, sie müssen also nicht voll bezahlt werden, bis der Lastwagen mit der Ware vor der Haustür steht. Nun gab es Händler, die auf einen Preisverfall spekuliert hatten und daher im Sommer am Markt Kontrakte erwerben mussten. Da kaum Kakao für eine Lieferung auf dem Markt war, waren sie dazu gezwungen, hohe Preise zu bezahlen, vorwiegend, so meinen Insider, für Kontrakte von Armajaro. Es folgte ein Market Squeeze , der den Preis nach oben trieb und dem Hedgefonds satte Gewinne beschert haben dürfte.