Vermutlich würden wir über eine Vermögensteuer gar nicht nachdenken, gingen alle Reichen mit ihrem Geld so freigiebig um wie Peter C. Ruppert aus Berlin. Er sammelt Kunst, konkrete Kunst. Und das nicht bloß für sich selbst, sondern für uns alle, seit mehr als dreißig Jahren. So kommt es, dass seine Sammlung als Dauerleihgabe das Würzburger Museum im Kulturspeicher bestückt: Werke konkreter Kunst von mehr als 200 Künstlern aus ganz Europa, von 1945 bis heute. Anders als üblich stellt man hier nicht einzelne Künstler in all ihren Facetten vor, sondern die Kunstrichtung selbst in all ihren (Un-)Möglichkeiten. Zu sehen sind Klassiker wie Josef Albers, dessen Bright September aus der bekannten Serie Homage to the Square herbstlaubfarben strahlt. Oder die große Lady der englischen Op Art, Bridget Riley, deren traumwandlerisch bewegende Arbeit K’ai ho ebenso zur Sammlung gehört wie Victor Vasarelys Zauberwürfel-Labyrinth Lapidaire und Max Bills geometrisch vertracktes Farbfeld mit weißen und schwarzen Akzenten .

Untergebracht ist die Privatsammlung im linken Gebäudetrakt des Kulturspeichers, eines imposanten ehemaligen Getreidespeichers aus dem Jahr 1904, gelegen am alten Würzburger Hafenbecken zwischen Heizkraftwerk und Cinemaxx. Auf drei Stockwerken präsentiert die Sammlung Peter C. Ruppert Gemälde, Objekte und Plastiken sowie computergenerierte Arbeiten und konkrete Fotografie. Eindrucksvoll verteilen sich Bekanntes und Unbekanntes, Altes und Neues in sechs geräumigen Ausstellungssälen auf einer Fläche von mehr als 1800 Quadratmetern.

Doch das Haus hat noch mehr zu bieten: "Ein Museum: 2 Sammlungen", wirbt es so knapp wie korrekt. Außer der Sammlung Peter C. Ruppert beherbergt es nämlich auch die Städtische Sammlung, die aus der einstigen Städtischen Galerie hervorgegangen ist und Kunst des 19., 20. und 21. Jahrhunderts präsentiert.

1941 wurde der Maler und Kunsterzieher Heiner Dikreiter mit dem Aufbau einer Sammlung mit dem Schwerpunkt mainfränkischer Kunst beauftragt. Dem Diktum der Zeit gehorchend, konzentrierte er sich auf figürlich malende Künstler. Und schon allein daraus ergibt sich ein reizvoller Gegensatz zur Sammlung Ruppert.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Heute präsentiert sich die Städtische Sammlung auf zwei Etagen im rechten Gebäudetrakt des Kulturspeichers. Die Hängung erfolgte chronologisch und wurde zwischenzeitlich nicht nur um Positionen der Gegenwart ergänzt. Teil der Sammlung ist auch das Werk der Bildhauerin Emy Roeder (1890 bis 1971), die sich als eine der ersten Frauen der figürlichen Plastik widmete. Als gebürtige Würzburgerin vermachte sie dem Museum ihren Nachlass. Heute gebührt ihr ein eigener Raum, in dem ihre Holzplastiken mit schlichter Ausdruckskraft trumpfen.

Neben den Landschaftsbildern bilden die Arbeiten aus Holz einen weiteren Sammlungsschwerpunkt. Schön zu sehen, wie die Künstlerin Magdalena Jetelová ihre monströse, aus Eichenholz gefertigte Seitenansicht eines Stuhls auf den Boden gekippt hat und ihn gleich gegenüber als mit Laserstrahl gezeichnetes Modell auf einem Großdia bannt.

In einem anderen Raum werden Werke der Sammlung mit zeitgenössischer Kunst konfrontiert. "Nachtseiten der Natur" hieß das erste solche Treffen, das die zauberhaften Filmprojektionen der 1964 geborenen Künstlerin Stefanie Pöllot in Reichweite eines nächtlich stillen Gemäldes des Malers Friedrich Fehr aus dem Jahr 1900 bringt. Letzterer bereichert die Sammlung zudem mit einer hübsch tutuseligen Balletteuse im Atelier, die uns die nackten Schultern zeigt.

Von diesem Standpunkt aus betrachtet, erscheint die Sammlung Ruppert dann wie ein Paralleluniversum. Hier wie dort aber sitzen wir auf in rustikaler Formschönheit ruhenden Bänken. Gefertigt aus den hölzernen Stützen des denkmalgeschützten Speichers, bilden sie Kunstwerke eigener Art.

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