Als unlängst ein junger Muslim in Portland, Oregon, eine Weihnachtsfeier durch eine Bombe zu sprengen versuchte, gab es sofort Demonstrationszüge linker Portlander, die ihrer Stadt bekundeten, dass nicht alle Muslime Terroristen seien. Und wie haben Amsterdamer Muslime auf Bolkesteins Worte reagiert? Sind sie massenhaft mit Transparenten auf die Straße gezogen, auf denen zu lesen stand: Lass deine dreckigen Finger von unseren dreckigen Juden? Nein. Schweigen im Lande.

Wie viele Juden in Amsterdam sind noch als Juden "erkennbar"? Ein paar Hundert? Die Juden, die ich kenne, die unauffälligen, disziplinierten Bürger, die mehr Niederländer als Juden sind, haben insgeheim seit Jahren einen Koffer bereitstehen. Sie möchten zwar gern bleiben, denn sie lieben die Polder und die zugefrorenen Grachten und die beschaulichen Bilder von Vermeer, aber sie haben schon immer Angst gehabt, weil ihnen die Erinnerung an Westerbork tief in den Knochen steckt. Sie wissen unendlich viel besser als ihre nichtjüdischen Nachbarn, dass das Unvorstellbare Wirklichkeit werden kann – und dieses Unvorstellbare ist jetzt in die Hände islamistischer Jugendlicher gefallen, die auf offener Straße provozieren. Ihre Eltern sagen nichts dazu. Sie haben den "Kulturschock" der Migration in den sündigen, obszönen, aber wohlhabenden Norden nie überwunden, und ihre Kinder berauschen sich unter Ausnutzung der "permissiven Gesellschaft" an der lächerlichen Identifikation mit den religiösen Faschisten von Hamas und al-Qaida.

Bolkestein wollte die niederländische Gesellschaft aufrütteln. Seine Absichten sind integer – und rührend. Denn es ist längst zu spät. Das, was wir an jüdischem Leben zu sehen glauben, ist optische Täuschung. Die überbordende Liebe von Juden zum europäischen Kontinent und dessen liberalen Freiheiten und rechtsstaatlichen Institutionen wurde schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Blut ertränkt.

Jetzt fällt das erste Tageslicht auf den Schnee in der Dorfstraße von Westerbork. Zehn Minuten von hier entfernt liegen die Reste des Durchgangslagers. Dort werde ich nachher auf die Namen meiner Großeltern starren. Ich werde mich warm anziehen.

Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers