In Amerika hat "Made in Germany" einen hervorragenden Klang. Jedenfalls wenn von Autos die Rede ist. Wenn es um Unterhaltung geht, findet man die Deutschen im History Channel. Die "Mach schnell"-Typen aus dem Zweiten Weltkrieg. Es würde einem aber schwerfallen, wollte man den durchschnittlichen New Yorker dazu bringen, nur einen Cent für deutsche Unterhaltung auszugeben.

Anders bei Rammstein. Diese Jungs brauchten dreißig Minuten, dann war ihr Konzert im Madison Square Garden ausverkauft. 12000 Tickets in dreißig Minuten. Warum diese Begeisterung? Wer könnte das besser sagen als Richard Kruspe, der Leadgitarrist von Rammstein. Also setzen wir uns vor dem Konzert auf einen kleinen Schwatz zusammen.

– Wie geht’s? Aufgeregt?

– Ich bin seit sechzehn Jahren bei Rammstein und habe die Band noch nie so nervös erlebt.

– Welche Botschaft drückt Ihre Musik aus?

– Es gibt keine Botschaft nach dem Motto: "Wir wollen die Welt verändern." So funktioniert Rammstein nicht. Wir sind alle in Ostdeutschland aufgewachsen, und ich habe mich dort immer wie in einem Gefängnis gefühlt. Ich hatte auch viele Probleme zu Hause, ständig gab es Hausarrest. Ich war ein aggressiver Bursche, und Musik zu machen war meine Art, die Aggression rauszulassen. In meinem kleinen Zimmer in Deutschland war es finster, und ich brauchte die Musik, um dem zu entfliehen.

– Mit anderen Worten: Ihre Musik ist egoistisch.

– O ja. Wenn man anfängt zu versuchen, anderen Leuten zu gefallen, dann ist es keine Kunst mehr.

– Die Berliner Mauer ist gefallen und Ihr kleines Zimmer mit ihr verschwunden. Warum sollte sich da nicht eine andere Beschäftigung finden lassen wie, sagen wir, Schlittschuhlaufen?

– Das kleine Zimmer ist immer noch da. Man kann ihm nicht einfach entfliehen.

– Ist es das, was Sie heute nach Amerika bringen, jenes kleine ostdeutsche Zimmer?

– So weit würde ich nicht gehen. Ich habe mich natürlich in den vergangenen 25 Jahren verändert. Ich war bei einer Menge Therapeuten.

Im Food-Court, dem Gastronomiebereich des MSG, lerne ich Frank und seine Frau kennen. Sie kommen aus Bonn, dies ist der elfte Rammstein-Auftritt, den sie von der aktuellen Tour sehen. Er ist Wissenschaftler, sie Ärztin. Sie trinken Bier und Wein. Sie sind wirklich froh, dass Barack Obama Präsident ist, denn wäre es noch George W. Bush, kämen sie nicht nach Amerika. Sie haben Prinzipien. Und Werte. Und beide sind fest davon überzeugt, dass Rammstein eine Botschaft hat. Worin besteht sie? "Authentizität, Geradlinigkeit, Ehrlichkeit und Ablehnung jeglicher Engstirnigkeit."

Um 20.01 Uhr beginnt das Konzert mit einer Vorgruppe. Die Geschöpfe auf der Bühne sind lauter als Gott. Meine Hose zittert, mein Hemd bewegt sich. Auf der Bühne leuchtet eine Zeile auf: "Combi Fucking Christ". Der Auftritt endet mit dem Song Never Surrender – ergib dich niemals. Wem ergeben? Sind wir in einer Kriegszone? Egal, ich ergebe mich niemals!