Es sind schwere Wochen für die geldpolitischen Entscheidungsträger. Ihre jüngsten Beschlüsse sind im Inland auf heftige Kritik gestoßen. Der Zentralbank wird eine verfehlte Geldpolitik unterstellt. Fast noch härter sind die Vorwürfe aus dem Ausland, die die jüngsten Maßnahmen als Sprengsatz für die internationale monetäre Zusammenarbeit werten.

Diese Sätze scheinen auf den ersten Blick klar auf die US-Notenbank und ihre jüngste Entscheidung gemünzt, Staatsschuldtitel im Wert von 600 Milliarden US-Dollar zu kaufen. Gemeint ist jedoch der Zinsbeschluss der Bundesbank vom Juli 1992. Damals, auf dem Höhepunkt des Wiedervereinigungsbooms, glaubte die Bundesbank ihrem Mandat, Preisniveaustabilität in Deutschland zu sichern, nur dadurch gerecht werden zu können, dass sie den Diskontsatz noch einmal von 8 Prozent auf 8,75 Prozent erhöhte. Dabei war sie sich der Schwierigkeiten bewusst, die die Entscheidung in den rezessionsgeplagten EU-Partnerländern hervorrufen würde. Aber sowohl die Gesetzeslage – die Bundesbank betrieb de facto europäische, de jure aber allein deutsche Geldpolitik – als auch die Rolle der D-Mark als Stabilitätsanker Europas ließen der Bundesbank aus ihrer Sicht keine andere Wahl. Zwei Monate später kollabierte das Europäische Währungssystem (EWS). Die D-Mark wertete auf. Die damit verbundene Verlangsamung der Inflation nutzte die Bundesbank, um den Diskontsatz um 50 Basispunkte zu senken. Laut Monatsbericht hatte sie diese Entscheidung in den Verhandlungen im EWS auch aktiv in Aussicht gestellt.

Die US-Notenbank Federal Reserve ist heute in der gleichen Situation wie die Bundesbank damals, nur dass sie nicht inflationäre, sondern deflationäre Tendenzen bekämpft. Wie damals lässt sich darüber diskutieren, ob der weitere Schritt in Richtung Lockerung – damals Restriktion – notwendig ist und effektiv sein wird. Unumstritten dürfte jedoch sein, dass die Federal Reserve gute Gründe für ihre Entscheidung anführen kann. Angesichts der Unterschiede im Mandat – die Bundesbank war allein einem stabilen Preisniveau verpflichtet, die Federal Reserve soll dagegen Preisniveaustabilität und Wachstum fördern – und geldpolitischer Konzeption ist verblüffend, dass beide Notenbanken auf die konjunkturelle Lage, den Arbeitsmarkt, die Fiskalpolitik und die Inflationserwartungen verweisen, um – spiegelbildlich – den eingeschlagenen Kurs zu rechtfertigen.

Genau wie die Bundesbank 1992 für Europa bestimmt die Federal Reserve heute de facto die Geldpolitik in vielen Schwellenländern, die eine Wechselkursorientierung zum US-Dollar aufweisen. Mit der Finanzkrise liegt erneut ein asymmetrischer Schock vor, der nun mit einem Boom in der Peripherie und schwachem Wachstum im Ankerland einhergeht. Wie damals passt die Geldpolitik des Ankerlandes also nicht zu den makroökonomischen Gegebenheiten in den Partnerländern. Zur Rechtfertigung ihrer Politik weist die Federal Reserve folglich darauf hin, dass ein schwaches US-Wachstum die dauerhafte Erholung der Weltwirtschaft gefährdet. Das kann auch nicht im Interesse der Peripherieländer sein. Gleichzeitig gibt sie zu verstehen, dass sich die Partnerländer über den Wechselkurs von der US-Geldpolitik abkoppeln können. In diesem Fall wäre auch eine weniger expansive US-Geldpolitik möglich, weil dann das US-Wachstum von der außenwirtschaftlichen Seite positiv beeinflusst würde. Damit übernimmt sie – erneut spiegelbildlich – fast eins zu eins die Argumentation der Bundesbank von 1992.

So bleibt festzuhalten, dass die Federal Reserve Geldpolitik für ihr Währungsgebiet in einem schwierigen nationalen und internationalen Umfeld betreibt. Nicht mehr und nicht weniger. In den vergangenen 30 Jahren hat sie zudem demonstriert, dass sie in der Lage und auch willens ist, ihr Doppelmandat erfolgreich umzusetzen. Dies gilt ebenfalls für das Ziel Preisniveaustabilität. Bei allen Unterschieden, auch konzeptioneller Art, sollten die Kritiker daher bedenken, dass die Federal Reserve auch in der Tradition der Bundesbank steht, wenn sie ihr Handeln am gesetzlichen Auftrag ausrichtet.