Grün, gelb rot, die Plaketten erregen die Gemüter seit ihrer Einführung. Die Ampelfarben regeln, wer in die Umweltzonen hineindarf. Fast jeder Fahrer einer Feinstaubschleuder drückt sich vor dem Anbringen eines roten Aufklebers und fährt sein betagtes Auto einfach weiter, solange es eben geht. Solche Zeitgenossen freuen sich dann diebisch über Schlagzeilen wie jüngst in der Welt am Sonntag: "Umweltzonen sind teuer – und wirkungslos." Mehr noch: "Die Belastung mit Feinstaub nimmt teilweise sogar zu" Eine Nachrichtenagentur verbreitete die Botschaft, selbst die taz druckte sie . Sind die Zonen (und alle Investitionen in Partikelfilter) für die Katz?

Die Feinstaub-Debatte ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine komplexe Faktenlage durch Auswahl von Kronzeugen und Daten so getrimmt werden kann, dass der Laie beeindruckt nickt: He, das stimmt doch!

Als Kronzeuge der WamS diente ADAC-Präsident Peter Meyer . Umweltzonen? "Fehlschlag" und "reine Augenwischerei". Eine ADAC-Studie habe die Luftqualität in Städten mit und ohne Zone verglichen und "keine relevanten Unterschiede" festgestellt. Die Nachfrage beim Club ergab: Die Studie ist ein alter Hut, sie stammt vom Mai 2009. Jeder Insider weiß zudem, dass die Messung von Feinstäuben ebenso heikel ist wie die Bewertung ihrer Giftigkeit. Denn durch die Luft fliegen neben eher harmlosen, natürlichen Stäuben (etwa Meersalz oder Wüstenstaub) auch giftige und krebserregende Schwermetalle oder Rußpartikel.

Dabei sind die kleinsten Partikel die gemeinsten. Ultrafeine, nahezu gewichtslose Teilchen in der Atemluft passieren alle Barrieren, gelangen ins Blut und ins Gewebe. Aus Kosten- und Praktikabilitätsgründen wird die Staubfracht in der Luft aber undifferenziert erfasst und einfach ihr Gesamtgewicht bestimmt – egal, ob sie sich aus harmlosen schweren Brummern oder aus hochgiftigen leichten Wichten zusammensetzt. Jedem Toxikologen sträuben sich da die Haare. Doch so will es das Gesetz. Sogar der Europäische Gerichtshof spricht Anwohnern das Recht zu, ihre Kommune zu Luftreinhalteplänen zu zwingen, werden die Richtwerte an Messstationen überschritten.

Die Städte sitzen in der Zwickmühle, sie können die lokale Belastung nur sehr begrenzt beeinflussen. Tausende Kilometer weit fliegen winzige Partikel, abhängig vom Wetter. Deshalb sind nur Langzeitmessungen an vielen Stationen aussagekräftig. Es ist also unredlich, stellenweise erhöhte Feinstaubbelastungen als Totschlagargument gegen Umweltzonen anzuführen.

Unstrittig ist, dass moderne Dieselmotoren und Partikelfilter den relativ geringen, aber gefährlichen Rußanteil am Feinstaub bereits deutlich gesenkt haben. Davon profitieren Städte ohne Umweltzonen ebenfalls. Das bestätigt auch der ADAC – und betont, er befürworte ja Filter und reine Luft.

Bei aller Detailkritik an lokalen Messwerten und Umweltzonen – wichtig ist deren psychologische Gesamtwirkung. Die Erfahrung lehrt: Viele Autobesitzer investieren erst in Filter oder saubere Motoren, wenn ihnen in ihrer Heimatstadt Fahrverbote drohen.

Anm. d. Redaktion:Leider werden unter diesem Artikel derzeit Ihre Leserkommentare nicht angezeigt. Dies hat technische Gründe. Wir arbeiten an einer Lösung und bitten um Ihr Verständnis.