Als Mascha fünf Jahre alt war, kam ein ehemaliger Kolchosdirektor mit buschigem Schnauzbart, leicht fistelnder Stimme und grober Ausdrucksweise an die Macht. Lange wird der nicht weißrussischer Präsident bleiben, dachten viele. Aber Alexander Lukaschenko herrscht bis heute in einem Regime, das als letzte Diktatur Europas gilt . Er drängte Gegner ins Exil, schaltete die Medien gleich und drohte missliebigen Ausländern, ihnen "wie einem Entchen" den Kopf abzureißen. Nachdem Ende der neunziger Jahre mehrere seiner Widersacher spurlos verschwunden waren, tauchte sogar der Verdacht auf, das Regime unterhalte Todesschwadronen. Das Regime hat sich zwar in den letzten Jahren gemildert. Aber vor gut drei Monaten wurde der oppositionelle Journalist Aleh Bjabenin erhängt in seiner Datscha aufgefunden . Viele seiner Freunde glauben an einen verdeckten Mord.

16 Jahre nach Lukaschenkos erstem Triumph studiert Mascha Wirtschaftswissenschaft und überlegt, wem sie am Sonntag bei der Präsidentschaftswahl ihre Stimme geben soll. Unter dem Präsidenten ihres Lebens fehlt es ihr an Freiheit für die Unternehmer, an Innovationen, überhaupt an Veränderung. Mascha wird deshalb einen der neun kaum bekannten Oppositionskandidaten wählen. Aber sie ahnt, dass sie nichts bewirken wird. Lukaschenko ist noch immer der populärste Kandidat. Die Opposition befürchtet zudem landesweit Wahlbetrug und ruft zur Großdemonstration am Wahlabend auf. Wird Mascha hingehen? Sie sitzt mit vier Mitstudentinnen in einem Raum einer Minsker Universität. Alle schweigen. Dann sagt Mascha: "Wir haben Angst."

Es ist das Schlüsselwort in Weißrussland, dieser Grauzone zwischen Russland und der Europäischen Union, zwischen heute und gestern. Wie in einem sowjetischen Themenpark prägen Stalinbauten in der Hauptstadt, alljährlich ausgezeichnete Erntebestarbeiter auf ihren Mähdreschern und staatliche Propagandasender das offizielle Bild einer glücklich in die Zukunft schreitenden Republik. Doch Glück ist hier vor allem, wenn der Staat nicht stört. Die Grenzen, innerhalb derer sich Weißrussen ungestraft bewegen dürfen, sind eng gesetzt. Wo richten sich Jugendliche, die Freiraum brauchen, um sich zu erproben, ihre Nische in Lukaschenkos Reich ein: in der heimischen Küche, auf den Barrikaden, in der Emigration?

Während andere Studenten aus Vorsicht lieber nicht mit Journalisten sprechen, haben Mascha und ihre vier Mitstudentinnen das Bedürfnis, von sich zu erzählen. Vermutlich trauen sie sich nur selten, offen zu sein. Ihre Namen und ihre Telefonnummern behalten sie lieber für sich. "Wir haben keine politische Freiheit", sagt Mascha. Vor fünf Jahren zog sie noch selbst auf Demonstrationen gegen Lukaschenko. "Heute denke ich noch dasselbe", erzählt sie, "aber ich habe etwas zu verlieren." Sie bangt um ihren Studienplatz, von dem sie der Dekan schon nach dem Besuch eines Seminars der Europäischen Union in Westeuropa verjagen könnte. Andere fürchten um ihr Wohnheimzimmer. "Wenn du für einen Oppositionskandidaten deine Unterschrift gibst", erzählt Maschas Kommilitonin Ira, "kann es sein, dass die Universität die nötige Erlaubnis für einen Urlaub in Ägypten oder einen Sommerjob in den USA verweigert." Reisen, ein Auslandssemester – Lukaschenkos Regime lässt solche kleinen Fluchten zu, um viele Studenten nicht in die Opposition zu treiben. Das Dekanat oder das Bildungsministerium müssen die Fahrten allerdings genehmigen, und der Geheimdienst KGB forscht den Reisenden hinterher.

An die politische Diktatur haben sich die Studentinnen fast gewöhnt. Wenn sie während des Studiums Geld verdienen, leben sie nicht schlecht. Sie kritisieren vor allem, wie sie der Staat im Alltag bevormundet. Als Relikt der Sowjetzeit muss jeder, der gebührenfrei studierte, nach dem Abschluss zwei Jahre lang in einem Staatsbetrieb arbeiten. "Da landen Studenten der Weltwirtschaft in der Provinzmolkerei", klagt Mascha. Die Studentinnen sind typisch in ihrem inneren Protest und der äußeren Vorsicht. Sie passen in jene Schablone, die das Regime bevorzugt: Du darfst eine eigene Meinung haben, aber besser nur in der Badewanne.

In der Provinz hat Lukaschenko die meisten Anhänger, besonders unter den älteren Generationen. Ein Scherzslogan der Opposition lautet: "Tu etwas Gutes für Weißrussland und verstecke am Wahlsonntag den Ausweis deiner Oma!" Die Älteren sehnen sich nach den Versprechungen der Sowjetzeit und dem bemutternden Staat. "Viele haben bei uns noch Sowjetisches im Kopf", sagt Mascha. "Auch wir sogar. Wenn wir in den Westen kommen, wissen wir anfangs gar nicht, was wir mit der ganzen Freiheit anfangen sollen. Wir sind nicht sehr antriebsstark und warten gerne ab."