Das Jahr 2010 war ein Jahr der Charismatiker. Was nicht zwangsläufig eine gute Nachricht sein muss. Helmut Schmidt, einer der großen Charismatiker unserer Zeit, ist sehr skeptisch gegenüber dem Charisma, Vernunft ist seine zentrale Kategorie. Für seine Generation ist diese Wertung plausibel, schließlich brachte der Weltkrieg der Ideologien viele vom Schicksal geformte Charismatiker hervor, aber wenig Vernunft. Das stimmte sogar noch für den Aufguss dieser Jahrhundertschlacht, für 68. In den Jahren der Revolte entstand noch einmal eine Generation charismatischer Menschen, meist Männer, denen es gelang, alle Welt für den langwierigen Prozess ihres Zur-Vernunft-Kommens zu interessieren.

Nun regiert in Berlin Angela Merkel. Bei ihr ist die Vernunft nicht länger der Käfig, der die Bestie im Zaum hält. Da ist gar keine Bestie mehr, die Vernunft läuft frei herum. Was man begrüßen, aber kaum charismatisch nennen kann.

Der charismatische Politiker muss autonom sein – gegenüber der Politik

Vorbei sind offenbar die Zeiten, in denen Charisma ein selbstverständliches Nebenprodukt bestimmter Jahrgänge war. Wenn es so etwas heute gibt, dann sehr individuell. Drei Menschen, denen man diese Gabe der großen Anziehung zumisst, sind in diesem Jahr aufgefallen: Julian Assange und Karl-Theodor zu Guttenberg auf der einen, der strahlenden Seite, Barack Obama auf der anderen, der eher tragischen.

Der US-Präsident galt in der Phase seines Aufstiegs als der Charismatiker schlechthin . Ein wundervoller Redner, ein schöner Mann, obendrein ein Schwarzer, mithin etwas ganz Besonderes in der monoton weißen Vorgeschichte amerikanischer Politik. In diesem Jahr nun wurde ihm seine Aura, jedenfalls in den Augen der meisten, geraubt. Wie konnte das geschehen? Und so schnell? Obama ist ein reiner Politiker, seine ganze Kraft zieht er aus der Sphäre des Politischen, er ist ihr gegenüber nicht autonom. Und so konnte ihn das System einsaugen , gleichmachen, kleinmachen. Er ist abhängig von den Projektionen seiner nunmehr enttäuschten Anhänger, von den Aktionen seiner Gegner und sogar von der Kooperationsbereitschaft eines Mannes wie Ahmadineschad. Es ist, als hätten sie sich alle abgesprochen: Am Ende des Jahres soll Obama nicht nur normalisiert sein, es soll so scheinen, als sei sein Charisma von vornherein nur eine Illusion gewesen, ein Missverständnis.

So ungerecht das sein mag, so wirft es doch ein Licht auf die modernen Produktionsbedingungen des Charismas. Karl-Theodor zu Guttenberg kann längst nicht so gut reden wie Obama, ist ohnehin von anderer Statur. Doch vermochte er sein Charisma zu behaupten und auszubauen. Warum? Dem deutschen Verteidigungspolitiker nimmt man es ab, dass er als adeliger, reicher Mann gegenüber der Politik autonom ist. Guttenberg inszeniert sein Anderssein , den Status als antipolitischer Politiker, und das nicht nur durch verbale Distanzierungen vom System Politik, sondern auch durch die Verletzung ungeschriebener Regeln. Zuletzt dadurch, dass er seine Frau mitnahm zum Truppenbesuch in Afghanistan.

Dabei diente ihm die Inszenierung nicht als Selbstzweck, er konnte sie auch für Politik nutzen, genauer: gegen sie. Die Suspendierung der Wehrpflicht war die größte innenpolitische Reform des Jahres. Niemand hielt sie für möglich. Und mit der normalen bundesrepublikanischen Methode – alle suchen bei allen Zustimmung, und jeder bekommt was dafür – wäre sie es auch nicht gewesen. Guttenberg gab das Vorhaben bekannt und zog es durch. Ob sein Charisma auf Dauer haltbar ist, ob es immer gute Ergebnisse bringt, sei dahingestellt, vorerst hat es funktioniert, Neues wurde möglich.