"Wir müssen die Welt retten"

Da sind sie alle, seit 20 Jahren konserviert auf diesem Bild. Der Fotograf hatte sie in die Pausenhalle gerufen, wahrscheinlich nachmittags, vor einer Konferenz. Folgsam wie Schüler posieren meine Lehrer in aufsteigenden Reihen vor einem blassblauen Vorhang: Herr K., Latein. Herr Z., Deutsch. Frau S., Mathematik. Der blonde P., der sich immer für schöner hielt, als er war. Und G., der Clown! Ganz hinten zieht er seine Grimassen.

Erstaunlich, wie die Zeit Erinnerungen sortiert. Ich blicke in 50 Gesichter, und zu vielen finde ich keine Namen mehr. Bei einigen sind mir Fächer in Erinnerung geblieben, bei anderen Charakterzüge. Manchen spendiere ich ein "Herr..." oder "Frau...", anderen lasse ich nur ihre Nachnamen, als seien sie mehr Marke als Mensch gewesen.

Was für ein haariges, struppiges Kollegium! Allein die Bärte. Und diese dicken, grob gemusterten Strickpullover. Aber da ist noch etwas auf diesem Bild: In einigen Gesichtern meiner Lehrer entdecke ich eine Verletzlichkeit und Scheu, die ich als Schüler niemals wahrgenommen habe. Auch Jugend. Die Jüngsten unter ihnen waren damals nicht älter, als ich es heute bin, 38.

Es war eine kleine Meldung, die vor wenigen Wochen Erinnerungen aufwirbelte wie alten Staub, mich eine Zugfahrkarte lösen ließ und dazu brachte, dieses fast vergessene Foto zu betrachten. Zu Hause, las ich, wird gerade meine alte Schule abgerissen.

Das Albert-Einstein-Gymnasium in Bochum. Ein Ensemble von "Zweckbauten", wie man heute sagt und wie es so viele in Deutschland gibt. Nur 40 Jahre nach der Einweihung, 20 Jahre nach meinem Abitur, verschwindet es wieder. Die Aula ist schon weg, als ich in meine Kindheitskulisse zurückkehre, ihre bunte Betonfassade zerborsten. Bagger nagen am Hauptgebäude. Der Schulhof, diese Probebühne für das Leben, liegt verschüttet unter Trümmern. Durch die Abrissruinen staksen Männer in weißen Schutzanzügen. Sie tragen Atemmasken, kratzen Fugen aus, schaben an Wänden. Die Gebäude waren mit PCB belastet, mit "polychlorierten Biphenylen" – ich wüsste nicht, dass die jemals Thema in Chemie gewesen sind.

Wenn eine Schule verschwindet, dann verschwindet ein Ort, an dem sich Tausende Lebenslinien kreuzten, meist zufällig, manchmal unfreiwillig. Ein Haus, in dem Ideale postuliert, pädagogische Konzepte geprobt, Gewissheiten ausgerufen und verworfen wurden – in diesen 40 Jahren, in denen der Kommunismus starb und der Wald sich erholte, in denen auf- und abgerüstet wurde, in denen wir die Worte Wimbledon und Tschernobyl zu buchstabieren lernten, in denen die D-Mark verschwand und der Kapitalismus beinahe kollabierte, in deren Mitte die deutsche Einheit liegt wie ein zeitgeschichtliches Scharnier. Und in denen – das verstehe ich erst heute – die Schule für uns Schüler nur eine Durchgangsstation war, die wir im Abiturtriumph verließen. Für die Lehrer aber ein Ort, an dem sie blieben.

Was hat die Zeit aus ihnen gemacht? Wo hat das Leben ihnen, die richtig und falsch unterschieden, recht gegeben? Und wo hat es sie widerlegt?

SALVE steht auf seiner Fußmatte. Genau das, was ich erwartet hatte von Herrn K., Lehrer für Latein und Deutsch, der mit seinem braunen Backenbart aussah wie die römischen Soldaten in meinen Asterix- Heften. Herr K. war der erste Lehrer, bei dem ich eine Fünf schrieb. Siebte Klasse, erste Arbeit. Unter wütenden Tränen trug ich das schwarze DIN-A5-Heft – liniert, mit Rand – nach Hause. "Nach welchem Satzglied fragen wir mit quem oder quid? Übersetze: Syrus servus per hortum ad villam parvam currit!" Alle paar Wochen neue Rätsel auf säuerlich riechendem Matrizenpapier. Unter den Arbeiten Kommentare wie "Ohne Vokabelkenntnis kann man nicht präzise übersetzen, Henning!".

Mit etwas Abstand muss ich sagen: Stimmt.

Die Tür geht auf. Die Zeit hat seinen Bart gebleicht und sein Gesicht ein wenig spitzer geschliffen. Herr K. muss jetzt 70 sein.

"Ja, hallooo, komm rein!", sagt er. "Wenn sich mal ’n Schüler bei mir meldet, freu ich mich wie’n Hund vorm Knochen!"

War Herr K. damals auch so schmal? In der Erinnerung an die Kindheit ist ja alles größer: der Garten, der Spielplatz, der Rodelberg – vor allem die Lehrer. Und sprach er damals auch dieses kehlige Ruhrpottdeutsch? Ich hatte ihn anders im Ohr: kühl, korrekt. Den kleinen roten Lehrerkalender immer griffbereit, um nach dem Abfragen der Vokabeln die nächste Zwischenzensur zu notieren.

Es könnte das Alter sein oder die Aufregung, dass da ein Fremdvertrauter in seiner Garderobe steht, die Herrn K. sich räuspern lässt, ehe er fragt: "Kaffee? Milch? Zucker?" Aus der Küche ruft er dann, er sei "hocherfreut" über den Besuch: "Zeigt doch, dass die Schüler unter mir nicht nur gelitten haben. Wenigstens im Rückblick nicht!"

Wegen des Lateinlehrers haben Kinder die Schule verlassen

Herr K. gehörte zu den älteren Lehrern. Zu jenen, von denen wir Schüler wenig wussten. Was für eine diebische Freude, wenn wir nach der sechsten Stunde ins Hauptpostamt liefen, Telefonbücher wälzten und so ihre Vornamen rausbekamen: "Der K. heißt Peter!" – "Und der H. Franz Josef!" Für Charakterstudien hatten wir auch den Lehrerparkplatz: Da stand der knallrote Opel GT des Herrn K., dieses Junggesellencoupé, wie eine kleine Undiszipliniertheit zwischen den Vernunftkombis der Kollegen.

Jetzt bin ich mit Google Maps über ihre Reihenhäuser geflogen und in ihren Gärten gelandet. Und ich weiß seit Tagen, dass Herr K. in diesem Haus im Stadtteil Stiepel lebt. Dort, wo Bochum grün und schön ist.

In seiner Wohnung Orientteppiche. Ein schwarzes Ledersofa und weiße Bücherregale voller Kafka, Goethe, Hebbel, Mann und Fontane. Auf einem gläsernen Couchtisch die Frankfurter Allgemeine, sorgsam ausgeschnitten ein Artikel mit der Überschrift Nivellierung der Ansprüche .

Mit roten Keramiktassen kommt Herr K. ins Wohnzimmer. Rot wie sein GT. Sind Sie eigentlich oft geblitzt worden?

"Früher häufiger!"

In der nächsten Stunde erzählt der Lateinlehrer K. sein Leben, jovial und ironiegetränkt. Ehe er auf Lehramt umstieg, hatte er schon acht Semester Archäologie studiert. Als die 68er die Hörsäle stürmten, war Herr K. endlich ins Examen vertieft. "Und dann hab ich irgendwann auch einen Abschluss gemacht", sagt er. Als junger Lehrer ging er jahrelang zum VfL Bochum ins Ruhrstadion.

Aber Sitzplatz, oder?

"Stehplatz."

Als Lateinlehrer war Herr K. so etwas wie der Schulbeauftragte für Sekundärtugenden. Gehorsam, Fleiß, Genauigkeit. Ablativus absolutus und Ablativus separativus. Welche Angst wir vor ihm hatten. Allein das Abfragen an der Tafel. "Beliebt hab ich mich damit nicht gemacht", sagt Herr K., "aber ich habe gehofft: Wenn ihr’s da vorne schafft, schafft ihr’s auch in der nächsten Arbeit." Herr K. war keine 50 damals und wirkte dennoch alt mit seinem alten Fach an einem Gymnasium, das sich als modern verstand. Herr K. hatte nicht nur die faulen Schüler gegen sich. An den Elternsprechtagen forderten Mütter und Väter, doch zeitgemäß die Pubertät der Kinder zu berücksichtigen. Eine Kollegin des Lateinlehrers K. hat eine Fünf ihrer Tochter angefochten, bis hinauf zum Regierungspräsidenten. In den Zeugniskonferenzen sagte der Rektor, er solle nicht so schlechte Noten geben.

Jetzt sitzt Herr K. auf seiner Couch, und ich merke: Ich kannte sein Gesicht gar nicht im Profil. Nur von vorne. Er machte ja Frontalunterricht.

Ein paar Fußball-Anekdoten hätten ihm sicher Lacher gebracht, Beliebtheit, wie sie seinen jüngeren Kollegen zuflog. Aber Herr K. sagt, er habe Anbiederung für "trügerisch" gehalten. "Latein war ja auch keine Sache der Auslegung." Das Kräftemessen mit den Möchtegernrevoluzzern in den Siebzigern und Achtzigern? Ein Spaß! Später der Kampf um die Kinder der Alleinerziehenden, die Opfer gescheiterter Ehen, der habe ihn belastet, sagt Herr K.: "Die kommen nach Hause und finden keinen, dem sie sagen können: Der K. ist bescheuert." Was sollte er tun? Die Ansprüche nivellieren? Nein. Eine Fünf blieb eine Fünf. Seinetwegen haben Kinder die Schule gewechselt. Aber nach seiner Pensionierung hat er dann kostenlos Nachhilfe gegeben.

All die Jahre in der Schule, das begreife ich jetzt, hat er sich hinter einer Rüstung verschanzt. "Ich hab geglaubt, euch sei mit Autorität mehr geholfen", sagt Herr K., "ob das mir selbst nützt oder schadet, darüber hab ich nicht nachgedacht." Er hielt es mit den Epikureern: Lebe im Verborgenen. 40 Jahre lang. Was für ein Kraftakt.

Soll man ihn für diese Disziplin bewundern oder bedauern? Dafür, dass der Mensch hinter dem Lehrer unsichtbar blieb? Oder wird er sich freuen, wenn ein Schüler im Nachhinein ahnt: Lehrersein ist mehr Geben als Nehmen. Dem Ingenieur bleiben seine Patente, dem Architekten die Häuser – dem Lehrer nur Fragen: Haben die Schüler etwas gelernt, etwas mitgenommen, etwas daraus gemacht? "Vielleicht habe ich einem Schüler auch sein Leben verbaut", sagt Herr K.

Er wird es nicht erfahren. Die Schüler verschwinden ja einfach. "Und ich erkenne sie Jahre später nicht wieder – die können in der Fußgängerzone an mir vorbeilaufen. Manchmal aber fragt mich plötzlich jemand: Kennen Sie mich noch?" Es kann im Wartezimmer beim Arzt passieren oder im Elektronikfachmarkt, ratlos vor Satellitenreceivern. Meistens in Momenten, in denen der Lehrer ohne seine alte Autorität dasteht.

Herr K. sagt, er freue sich trotzdem jedes Mal.

Herr K. war 30, als im September 1970 das Albert-Einstein-Gymnasium eingeweiht wurde und die Westdeutsche Allgemeine Zeitung jubelte: Die Zukunft beginnt! Bochum, die Stadt der sterbenden Bergwerke, hatte eine Universität bekommen. Jetzt sollte eine Schule für die Töchter und Söhne der Akademiker und Arbeiter her. Die Architekten entwarfen eine Art Campus für Kinder, lichte Bildungsbaukästen: Aula, Musiksaal, Naturkundetrakt, Schwimmbad, Dreifachturnhalle – wie mit leichter Hand über die Brache einer alten Ziegelei gewürfelt.

Es war eine von vielen neuen Schulen im Land, die mit neuem Personal und neuer Pädagogik gefüllt werden sollten: menschlicher, näher an den Kindern, nicht mehr von oben herab. Also hatte auch die Architektur nichts Drohendes, Herrschaftliches. Ihr Zentrum war die Pausenhalle für die Schüler. Das Lehrerzimmer lag darunter.

Einer heiratete die Tochter seiner Kollegin - und scheiterte vor der Schulgemeinde

Den Zeitungsschlagzeilen zufolge befand sich die Welt gerade auf einem Selbstfindungstrip zwischen Moderne und Tradition, Frieden und Terror, Sozialismus und Wohlstandsrausch: Allende gewinnt Präsidentenwahl in Chile, IG Metall rechnet mit 12% Lohnerhöhung, Arabische Luftpiraten entführen drei Flugzeuge, Opel stellt neuen Mittelklassewagen "Manta" vor.

Als ich 1982 aufs Gymnasium kam, stand auf meinem Pult "To be or NATO be". In der Pausenhalle demonstrierten langhaarige Oberstufenschüler gegen die Nachrüstung, trugen aber Bundeswehrparkas. Sie fanden Helmut Schmidt schlimm, Helmut Kohl allerdings noch schlimmer. Gerade hatte Nicole mit Ein bisschen Frieden den Grand Prix gewonnen. Wann immer ein Hubschrauber über die Stadt knatterte, warf sich unser Klassenclown Rafael unter den Tisch und rief: "Die Russen kommen!"

Was für eine wohlige Gleichzeitigkeit von Weltuntergangsstimmung und Lebenslust: Wir hatten Lehrer, die sagten, Wirtschaftswachstum sei nicht alles, und Lehrer, die alle zwei Jahre mit einem neuen, größeren Auto auf den Schulparkplatz fuhren. Wir hatten Lehrer, die den Eindruck erweckten, das Ende der Welt sei nahe, und Lehrer, die von montags bis freitags ihr Surfbrett auf dem Dachgepäckträger ließen. Einer heiratete die Tochter seiner Kollegin, die Ehe scheiterte vor den Augen der Schulgemeinde. Als die Grünen 1983 in den Bundestag einzogen, war unter den Abgeordneten einer unserer Lehrer. Als 1991 der Golfkrieg losbrach, ließ der ziegenbärtige Mathelehrer uns aus Protest in der Recheneinheit "Leichensäcke" rechnen. Die Sozialwissenschaftslehrerin legte uns Artikel aus der taz vor, der Erdkundekollege Ausschnitte aus dem Rheinischen Merkur .

Dann kam Herr Z., unser neuer Deutschlehrer. Seine schweren Augenlider ließen mich an die Schwermut der Barlach-Engel denken, die wir in Kunst besprachen, doch sein verschmitztes Lächeln hob den Eindruck der Melancholie wieder auf. Er sprach so leise im lauten Wettbewerb der Meinungen, dass wir ihm fasziniert zuhörten.

Die erste Arbeit, die er uns in der neunten Klasse schreiben ließ, war eine Argumentation: "Soll ein Jugendlicher (ca. 15 Jahre) seinen Urlaub eher mit der Familie oder mit einer Jugendgruppe verbringen?" Da fragte jemand nach uns, nach unserer Meinung.

Herr Z. entstammte einem Milieu, für das mir damals noch der Name fehlte: dem "linksalternativen". Er machte anderen Unterricht. Er bewegte sich durch die Klasse. Er war als Mensch präsent. So wurde zwischen Heinrich Manns Untertan und Musils Törleß auch seine Weltsicht sichtbar: Jeder Krieg war falsch, jeder Zuwanderer willkommen, jede Hungersnot in Afrika Schuld des Nordens. Bald schrieb ich selber mit schwarzem Edding "Sonne statt Reagan" auf die Tische.

Zu Beginn des Golfkriegs rief Herr Z. die Schüler in die Aula, wo ich mit einigen Klassenkameraden Wolfgang Borcherts Antikriegsmanifest Dann gibt es nur eins! von der Bühne skandierte: "Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!"

Herr Z. wohnt heute in einer alten Bergarbeitersiedlung, bei Google Street View ist sein Haus verpixelt . Noch an der Haustür sagt er: "Sie sind aber auch älter geworden." Seine Stimme ist ein wenig dünner als damals, als habe er sie in der Schule gelassen. Er hat noch immer diese Barlach-Augen. Er weiß, warum ich da bin, und spielt beim Abgleich zwischen dem Früher und dem Heute einfach mit. Er verfolgt mich mit skeptischen Blicken. Er merkt: Ich spioniere in seinem Leben. Sehe das Gedicht an der Wand, den Radwechsel von Brecht. Paul Austers Roman Unsichtbar auf dem Couchtisch. Die gerahmten Bilder, die ihn und seine Frau beim Theaterspielen zeigen. Den tiefen Garten mit den knorrigen Bäumen.

Und ich merke: Er hat mich gegoogelt.

Tut es eigentlich weh, wenn die eigene Schule abgerissen wird?

"Es tut nicht weh um das Gebäude an sich", sagt Herr Z., "aber darum, dass es nach 40 Jahren schon so marode ist, dass es abgerissen werden muss."

Der Deutschlehrer tischt Apfelkuchen auf. Das Leben ist schön

Ein typischer Satz für einen Lehrer wie ihn. Erst nach einigem Zögern gesprochen, klar und kritisch. Ein Haltungssatz. Dazu gibt es Apfelkuchen mit Sahne, weil das Leben trotzdem schön ist.

Nein, betrübt wirkt Herr Z. nicht, er war ja nie Materialist und findet, dass die Schule ihren Sinn erfüllt hat. Er sagt: "Wir wollten da nicht nur Wissen vermitteln. Auch Handlungskompetenz und Eigenständigkeit. Ein waches Bewusstsein wecken."

An den Nachmittagen, wenn wir Schüler glaubten, die Schule sei still und leer, rangen unsere Lehrer um eine pädagogische Linie. Sollten wir freibekommen für die große Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten? Nein. Würden wir bestraft, wenn wir trotzdem führen? Auch nicht. Immer war klar, dass wir Schüler die Welt noch ein wenig verbessern könnten. Nein: sollten.

Herr Z. – 1948 geboren, ein früher Wehrdienstverweigerer , von 1966 an Lehramtsstudent für Deutsch und Philosophie in Heidelberg und Bochum – schrieb mit jungen Kollegen seitenlange Exposés für Projektwochen: "Nato-Doppelbeschluss", "Müllvermeidung", "Bundeswehr oder Zivildienst?". Auf stundenlangen Konferenzen wehrten sich jene Lehrer, die dafür keinen Unterricht opfern wollten.

"Mein Unterricht hat sich auch nach den Lehrplänen gerichtet. Ich habe mit Ihnen auch Rechtschreibung und Grammatik gebimst", sagt Herr Z. "Aber ich habe mir eben gewünscht, dass Schüler ein Gymnasium nicht borniert verlassen."

Wenn es Lehrer gibt, an denen sich Menschen ihr Leben lang abarbeiten, dann ist es bei mir Herr Z., dieser verschmitzte Melancholiker, der mehr vermitteln wollte als das, was in Kindlers Literaturlexikon stand. Seine Prinzipientreue wurde zum Urmeter meiner moralischen Maßstäbe. Meist war ich ihm dankbar, dass es genau diese sind. Manchmal war ich ratlos. Es war leicht, gegen einen Atomkrieg im Konjunktiv zu sein. Aber was tun bei einem Massaker in Bosnien? "Ich denke da auch differenzierter als vor 20 Jahren", sagt Herr Z., "aber ich habe nach wie vor Zweifel an der Lauterkeit der Motive, mit denen eingegriffen wird."

Noch Jahre später habe ich ihm Appelle zugeschrieben, die er wohl nie geäußert hat, seine Prinzipien immer auf den aktuellen Stand gebracht: sparsameres Auto fahren, seltener fliegen, weniger Fleisch essen. So nachhaltig wie er war kein anderer Lehrer. Er ist seine Botschaft losgeworden. Er hat in die Zeit gepasst, und die Zeit hat zu ihm gepasst. Ein historisches Glück. Da ist eine tiefe Zufriedenheit. Und eine Geborgenheit in manchen Gewissheiten der achtziger Jahre. Er ist immer noch der Meinung, dass beim Fußball der Beste gewinnen soll, nicht Deutschland.

Würde er wieder Lehrer werden?

"Ganz sicher. Ich bin oft lachend aus der Klasse gegangen."

Als Herr Z. vor einem Jahr die Schule verließ, ging er erschöpft, aber erfüllt. Zum Abschied sang der Unterstufenchor.

Hatte er je das Gefühl, als Lehrer aus einer bequemen Zuschauerposition heraus das Weltgeschehen zu kommentieren? Weil da nie eine Bedrohung war, der er womöglich seine Ideale geopfert hätte?

"Ich empfinde das so, klar", sagt Herr Z. "Ich hatte einen geregelten Job, ein geregeltes Einkommen, habe viel gearbeitet, aber auch klare Freizeiten gehabt. Mein Leben ist privilegiert, eindeutig. Aber gerade deshalb."

In der letzten Stunde vor den Abiturklausuren verteilte der Deutschlehrer Z. in seinem Leistungskurs eine Abschiedsaufgabe. Einige von uns haben sie bis heute über ihren Schreibtischen hängen:

"Die schönsten Liebesgedichte werden nichtaufgeschrieben, sie werden gelebt."

Aufgabe: Interpretieren Sie dieses Gedicht von Christine Busta!

Erlaubte Hilfsmittel: Kopf, Herz und Hand .

Arbeitszeit: ein Leben lang

17-Jährige fragen die Sportlehrerin: »Wie ist das mit der Pille?«

Eine Woche später ist auf dem Schulgelände auch das Hauptgebäude weggerissen. Wo unsere Klassenzimmer waren, sind nur noch Trümmer, als wären die Russen doch noch gekommen. Ein unverschämt junger Bauleiter zerkleinert unsere Schule mit einem einzigen Satz: "Für mich sind das 12.000 Kubikmeter Bauschutt." Und einige Container Sondermüll. "Waschbeton ist immer schnell und billig", sagt der Bauleiter, "aber viele Fugen sind auch immer scheiße." Er spricht, als werde hier ein Irrtum korrigiert

Frau L. war 28, als sie an die Schule kam. Sie hatte Sommersprossen, grüne Augen und ihre roten Haare zu einem dicken Zopf geflochten. Sie war Turnerin und stand 1968 fast im Olympia-Kader für Mexiko. Sie konnte auf zwei Fingern pfeifen, mit einer hochgezogenen Braue 30 Kinder zur Ruhe bringen und die Spannung mit einem Lächeln auflösen. Nach der ersten Sportstunde bei ihr – Gymnastik statt Fußball – hatten wir Muskelkater wie nie zuvor. Trotzdem war die Hälfte der Jungs in sie verknallt.

Frau L. ist jetzt 59 und zählt zu den wenigen meiner Lehrer, die noch im Dienst sind. Sie sitzt auf einer Holzbank am Rand einer verblichenen Turnhalle. Ein Haufen Sechstklässler entert kreischend blaue Matteninseln. Wie laut Schule ist.

Frau L. unterrichtet Sport und Kunst in den Räumen einer ehemaligen Gesamtschule, wo der Rest meiner und der Rest einer anderen Schule als "Neues Gymnasium Bochum" auf einen Neubau warten: Im Lehrerzimmer sitzt mein alter Leichensack-Mathelehrer dort apfelkauend neben dem ergrauten Grünen, der nach zwei Jahren wieder aus dem Bundestag rotiert war. Jeder mit einem halben Meter Platz am Tisch. Das Lehrerzimmer, dieses Allerheiligste: eng wie eine Legebatterie.

Frau L. erzählt an diesem Tag, dass viele Schüler heute schiefe Wirbelsäulen hätten. Die meisten könnten keinen Handstand mehr, "nicht mal gegen die Wand". Einige seien zu schwach, um sich bäuchlings über die Turnbank zu ziehen. Bei den Bundesjugendspielen macht meine Schule nicht mehr mit. "Wenn die Kinder ein bisschen schwitzen und danach duschen, muss ich zufrieden sein." Falls sie überhaupt duschen. Dann sieht die Sportlehrerin L. in den Umkleiden, dass die meisten ihre Unterwäsche anbehalten.

Ist Lehrersein also eine dauernde Desillusionierung?

"Ich musste lernen, meine Ansprüche zurückzunehmen", sagt Frau L. Sie macht jetzt mehr Spiele. Gleiten, Rollen, Balancieren. Die Kinder fahren bei ihr Waveboard. "Ich finde vieles am Unterricht heute sogar besser", sagt Frau L. Sie sei erleichtert, nicht mehr strikt nach Weiten und Zeiten benoten zu müssen, "gerade bei meinen Dickerchen, die bemühen sich doch auch. Und ich freu mich richtig, wenn sie mir sagen: So was Schönes haben wir noch nie gemacht! Wenn ich in ihren Freundebüchern lese: Lieblingsfächer Sport und Kunst. Wenn mich Zwölftklässlerinnen fragen: Frau L., wie ist das mit der Pille?"

Meine Sportlehrerin hat nicht jede Veränderung als Verrat an der eigenen Biografie empfunden. Das ist eine Leistung in einem Beruf, der auf Selbstzweifel nicht ausgelegt ist.

Es gab Kollegen, die nicht so biegsam waren wie Frau L., die Turnerin. Kollegen, die brachen. Schuljahr für Schuljahr immer neue Naivität, die auffälligste Veränderung das gemeinsame Altern des Kollegiums. Einige Lehrer wurden seltsam: Einer rief die Polizei, sobald Kollegen im Halteverbot parkten. Einer drehte seiner Klasse während einer Klausuraufsicht den Rücken zu und pinkelte ins Waschbecken. Einer kam, nachdem ein Schüler ihm die Autoreifen zerstochen hatte, mit einem Revolver in die Schule. Einer lief in den Fünfminutenpausen unter dem Vorwand, Kreide zu holen, ins Lehrerzimmer und kippte einen Kurzen. Mit dem Abriss der Schule zerfallen auch Erinnerungen: Ich erfahre, dass nicht wenige meiner Lehrer Alkoholprobleme bekamen. Einer trank sich das Hirn bis hin zur Amnesie kaputt, Korsakow-Syndrom. Einer fiel ins Koma, aus dem er nicht wieder aufwachte.

Wollte ich das wissen? Eine Reise in die Vergangenheit ist immer gefährlich. Wenn man Erinnerungen mit der Wirklichkeit abgleicht, kann einiges kaputtgehen.

Der Biolehrer – mit allen per Du – wird von Schülern plötzlich gesiezt

"Mach ’ne Therapie, ’nen Entzug, aber mach irgendwas", flüsterte die Sportlehrerin L. ihren kranken Kollegen damals zu. Sie weinten sich an ihrer Schulter aus – und taten nichts. Ein Lehrerkollegium – zumal ein gemeinschaftlich angetretenes – ist ein hermetisches System, eine eingeschworene Solidargemeinschaft, beschützt vom Beamtenstatus, in meinem Gymnasium noch abgeschirmt von einem sozialdemokratischen Direktor, der diese Schule auch als politisches Projekt verstand. Lange wurde deshalb geschwiegen, auch untereinander. Diese Wagenburg hat viele behütet, aber niemanden befreit.

Meine Lehrer kamen in den Schuldienst in einer Zeit, in der sich kein Mensch für Dezibelwerte in Klassenzimmern interessierte, in der Forscher noch keine Studien über ausgebrannte Pädagogen begonnen hatten (siehe Kasten).

Haben wir Schüler sie zu Opfern gemacht? Ausgerechnet in den Jahren, als sich die Schule uns öffnete?

"Die haben unter sich selbst gelitten", sagt die Sportlehrerin L. im Turnhallengewimmel. "Und ihr unter denen." Viele, die damals Lehrer wurden, wollten doch die Welt verändern – und kamen nach zig Semestern voll theoretischer Träume in einer Praxis an, die laut und lästig war. Aber wer hatte nach Jahren an der Universität noch den Mut und die Zeit, seinen Lebensplan zu korrigieren? Die Ausbildung, sagt Frau L., habe viele "in eine Sackgasse" laufen lassen, aus der sie keinen Ausweg gefunden hätten.

Gegenüber der Schule, die sich rasend schnell in Schutt verwandelt, steht noch immer die Bude vom "dicken Klaus", eine sechseckige Kioskwabe – gebaut in einer Zeit, in der sogar Kioskarchitektur ambitioniert war. Bei Klaus kauften wir in den Pausen Frikadellen- und Negerkuss-Brötchen, wie das damals hieß. Jetzt treten sich Bauarbeiter vor der Bude die Stiefel ab und trinken Kaffee – denn Klaus ist immer noch da. Von seinem Telefon riefen wir zu Hause an, wenn wir nachsitzen mussten oder eine Arbeit verhauen hatten, und Klaus dröhnte von hinten: "Lieber ’ne Sechs in Mathe als ’ne Acht im Fahrrad!"

Er ist ziemlich wohlhabend geworden mit uns, in den Ferien fuhr er zum Hochseesegeln. Und er ist der Zeitzeuge von der anderen Straßenseite, der erstaunlich gehässig erzählt, dass einige Lehrer bei ihm in den ersten Jahren den Spiegel kauften und in den letzten Jahren Schnaps. "Alt genug war’n se ja." Manchmal nahm er Lehrer zum Segeln mit, Klaus, der Kapitän. "Aber was haben die gequatscht", sagt er. Aus coolen Typen seien Monologisierer geworden. "Zwei habe ich mal im nächsten Hafen abgesetzt und gesagt: Ihr fahrt mit dem Zug nach Hause."

Das ist noch so eine späte Erkenntnis: Wir Schüler wurden geprüft und getestet – aber auf der Bühne standen die Lehrer. Ein albtraumhafter Platz für die Scheuen, ein verführerischer für Menschen wie den Biolehrer G., der auf dem Kollegiumsfoto seine Grimassen zieht. Ein Lehrer, wie es ihn so oder so ähnlich in den Achtzigern wohl an jedem westdeutschen Gymnasium gab. Lederjacke, Walrossbart, Mähne wie Einstein. Eine selbst gedrehte Samson im Mundwinkel. Jeden Morgen großes Hallo beim Einparken mit seinem schwarzen Heckflossen-Mercedes. Ein Revoluzzer mit Pensionsgarantie. Forever young .

G., den alle beim Vornamen riefen, redete wie Horst Schimanski und machte Unterricht wie die Sendung mit der Maus . Er fragte: "Haben Delphine Augenwimpern?" Großes Grübeln. "Überlegt doch mal: Wofür sind denn Wimpern da? Und was glaubt ihr: Braucht der die?"

"Und können Pinguine fliegen?" Nein! "Doch – aber nur in einem dichteren Medium, genannt Wasser! Um das angucken zu können, hab ich mir einen Pinguin aus dem Zoo geliehen. Der wohnt jetzt in meiner Badewanne."

Stand das Thema Gärprozesse an, gab es ein Sit-in mit Besäufnis

Wenn G. mit seinem Stoff durch war, ließ er unter Jubel auch mal eine Stunde ausfallen. Und wenn das Thema Gärprozesse anstand, setzte er in seiner Wohnung Wein auf und lud zum Sit-in mit Besäufnis ein. Manche blieben bis zum Morgen.

Die Schüler liebten ihn. Und G. wusste das.

"Hab immer versucht, human-locker mit euch umzugehen", sagt G., "auch wenn ich mit einer bestimmten Sorte Eltern und Lehrer über Kreuz lag. Den Spießern und Rechthabern."

Mit einer Kraft wie kein anderer hat er damals seinen pädagogischen Traum gelebt.

Jetzt ist G. 65 und nuschelt wie Udo Lindenberg. Seine Mähne ist eher später Beethoven. Er war schwer zu erreichen.

G. lebt in einer Eigentumswohnung unterm Dach, die aussieht wie ein Zirkuswagen. Blau gestrichene Deckenbalken, von denen an Fäden Herbstlaub hängt. Dartsscheibe, Bullerofen, ein Flugzeugpropeller. Am Küchenschrank ein vergilbter Aufkleber: "Tomaten statt Kohl".

G. sagt noch immer dieselben Sätze wie damals, aber sie haben einen zornigeren Klang: "Wenn 100 Prozent der Leute mit mir klargekommen wären, müsste ich ja der größte Opportunist gewesen sein." War er nicht, wollte er nie sein. Aber wenn die Schüler zuletzt noch "null Bock" hatten , dann auf seine Revolution. Und auf seine Laune, die wechselte wie Aprilwetter. Seine ewige Jugend fanden sie nicht mehr lässig, sondern lächerlich. Sie meinten, ein "Du" und eine Fünf seien nicht zu vereinbaren, und fingen einfach an, ihn zu siezen. Ihr Abitur feierten sie in der feinen Burg Blankenstein hoch über dem Ruhrtal. Dort tanzten sie paarweise in schwarzen Anzügen und bonbonfarbenen Ballkleidern.

"So’n Abi-Ball – da kann man nicht mehr mit Turnschuhen hingehen", sagt G.

Er dreht sich eine Zigarette, steht auf, setzt sich wieder, steht wieder auf, läuft herum, spricht aus dem Fenster.

Die Zeit, sie lief nicht nur gegen Herrn K. und dessen Latein, sie lief auch gegen G. Und weil er Person und Pädagogik immer verbunden hatte, traf ihn das doppelt.

"Ich fand immer, dass man die Leute leben lassen soll", sagt er. Und er meint nicht mehr die Schüler.

G. verschweigt an diesem Tag nicht, dass er manchmal einsam ist. Er hat keine Familie. Neulich war er drei Monate lang in Griechenland. Dann ist er mit den Hurtigruten bis zum Nordkap gefahren. G. möchte unbedingt seinen alten MG in der Garage zeigen, "British Racing Green". Nicht so viel über früher reden. Als die Alten gegangen und die Jungen gekommen seien, hätten im Lehrerzimmer doch "nur Versicherungsvertreter" gesessen: "Kurze Haare, graue Anzüge und ziemlich karrieregeil." Schwer zu sagen, ob das noch Protest ist oder schon Verbitterung.

"Ach", sagt G. und zieht ein Zigarettenblättchen über die Zunge: "Schreib, was du willst!"

An einem regennassen Abend gedenken in der Bochumer Innenstadt 200 Menschen der Opfer der Reichspogromnacht. Inmitten des vorweihnachtlichen Tütengerempels legt die Oberbürgermeisterin einen Kranz nieder. Es singt der Chor der IG Metall, genannt CHORrosion. Als der Rabbiner das Kaddisch spricht, dreht eine Blondine in der Modeboutique nebenan die Musik lauter.

In der Gruppe der Gedenkenden stehen, unter einem Regenschirm, der Deutschlehrer Z. und seine Frau. Er habe noch mal nachgedacht, sagt er leise. Ob er uns Schülern mit seinen Prinzipien zu viel aufgebürdet habe. "Wir waren bei aller Skepsis ja optimistisch, dass sich die Welt zum Besseren wandeln lässt. In den letzten Jahren hatte ich das Gefühl, dass ich die Schüler in ein wackligeres Leben entlasse, als wir es hatten." Der Klimawandel, die Ernährungsfrage, die Flüchtlingsströme. Er habe die Jugendlichen am Ende vor allzu drastischen Zahlen und Bildern geschützt. "Wir müssen die Welt retten", sagt Herr Z., "meine Generation und Ihre. Nicht die 14-Jährigen."

Erst da dachte ich an Herrn H. Den Erdkundelehrer, der neben seinen Kollegen so unauffällig wirkte. Auf dem Foto von damals gehört er zu den drei Männern mit Krawatte. Wenn er nicht Braun trug, trug er Beige – die Farbe seines Opel Ascona. Er war nur fünf Jahre älter als der Biolehrer G., wirkte aber wie aus einer anderen Zeit. Im Unterricht bestand er darauf, dass wir erst mal die Topografie Spaniens lernten, ehe wir über den Wasserverbrauch in andalusischen Tomatengewächshäusern sprachen.

Am Telefon hatte Herr H. gesagt, zehn Uhr sei eine gute Zeit. Dann gehe er mit Oskar raus. Bestimmt ein Schäferhund.

Aus der Tür seiner Doppelhaushälfte springt dann ein gut gelaunter Golden Retriever – und am Ende der Leine ein genauso gut gelaunter Herr H.

"Schon unser zweiter", sagt er, etwas in Rückenlage. "Den ersten hatten sich noch die Kinder gewünscht – kennt man ja."

Herr H. trägt Wanderschuhe, Jeans und eine schwarze Windjacke. Wie 71 sieht er nicht aus. Kurparkheiter geht es durch eine Reihenhaussiedlung aus den Siebzigern. Viel weißer Putz und westfälischer Schiefer. Koniferen und Hortensien.

Der Erdkundelehrer stellt im Wohnzimmer Playmobil-Pferde auf

Herr H. ließ uns im Diercke-Atlas die Städtenamen hinter der auffallend gestrichelten Linie zwischen BRD und DDR lernen, weil er diese Linie für ein inakzeptables Ärgernis hielt. "Den Kampf gegen die Nachrüstung habe ich nicht im Einklang mit dem Bildungsauftrag des Gymnasiums gesehen", sagt er jetzt. Und gegen die Projektwochen sei er "wegen pädagogischer Ineffizienz" gewesen. Zur Fußball-Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer ging Herr H. auf die Fanmeile. "Das Spiel wird erst dann interessant, wenn Deutschland dabei ist", sagt er. Er passt ganz gut ins Heute.

Es geht durch stille Straßen in ein Wäldchen, in dem er den Hund von der Leine lässt. "Die Hysterie damals, die schien mir doch überzogen zu sein", sagt Herr H. Er spricht präziser, als ich ihn in Erinnerung hatte. Als sei er an der Schule mehr Zeuge als Beteiligter gewesen. Er sagt: "Der Lehrerberuf ist von manchen als Treibriemen des politischen Fortschritts verstanden worden. Das steckt im Selbstbild des Lehrers: auf die Zukunft vorzubereiten. Das macht ihn ideologieanfällig." Und: "An der Schule herrschte eine Kleider-Unordnung, die der Wertschätzung des Gymnasiums nicht entsprach."

Herr H., eines von zehn Kindern eines katholischen Volksschullehrers aus dem Münsterland, hielt mit einfachem Windsorknoten und stillem Gottvertrauen dagegen. Hat die Zeit ihm recht gegeben? Oder wäre das Land nicht so, wie es ist, wenn der laute Biolehrer G. und der leise Deutschlehrer Z. nicht mahnend die Hand gehoben hätten? Sie zogen aus dem Weltgeschehen Schlüsse fürs Private, der Erdkundelehrer H. schloss von seinem privaten Wohlergehen aufs Weltgeschehen. In diesem Wechselspiel war seine Zuversicht so lehrreich wie der Zweifel der Kollegen. Und sie hat ihn gut durch die Jahre getragen, das wird deutlich bei seinem Spaziergang, auf dem sich Herren und Hunde begegnen, der Postbote grüßt und er von seinem Garten, seiner Volleyballgruppe, seinen drei Töchtern und sieben Enkeln erzählt. Es ist ihm wichtig, zum Abschied noch zu zeigen, was er für den nächsten Besuch der Enkel im Wohnzimmer aufgestellt hat: eine Familie von Playmobil-Pferden.

Vier Wochen nachdem die Bagger kamen, ist vom Albert-Einstein-Gymnasium in Bochum nichts mehr übrig. Erst jetzt verstehe ich wirklich, was mich an diesen Ort zurückgezogen hat: Hier war so viel guter Wille. So viel Herzblut. So viel Kraft und so viel Kräfteverschleiß. Es gab ein Kollegium in einer bunten Mischung, wie sie heute selten ist. Es gab Verlierer, ausgerechnet unter den enthusiastischen Lehrern, die so viel von sich und uns erwartet haben. Und es gab Gewinner, vor allem unter uns Schülern, die von all den Linken und Rechten, den Besorgten und Unbesorgten vorn an der Tafel mehr fürs Leben gelernt haben, als das unter einem grauen Heer gleichgültiger Lehrer der Fall gewesen wäre. Jetzt ist sie weg, meine Schule, und mit ihr ist auch das Land verschwunden, zu dem sie gehörte: die alte Bundesrepublik. Ohne Krieg, ohne Revolution, fast unbemerkt ist sie abhandengekommen – und hat einige meiner Lehrer mitgenommen.

Welche Note sich die, die noch da sind, wohl für ihr Lehrerleben geben würden?

Der Biolehrer G. sagt: "Gab bessere, gab schlechtere. Würde sagen, eher Zwei als Drei."

Der Erdkundelehrer H. sagt: "Zwei bis Drei."

Der Lateinlehrer K. sagt: "Bemüht habe ich mich. Aber ob ich durchgedrungen bin? Ich würde mir wünschen: Drei bis Zwei."

Der Deutschlehrer Z. sagt: "Die Frage kann ich nicht ernsthaft beantworten."

Nur die Sportlehrerin L. meint: "Ich glaub, ich bin eine gute Lehrerin."

Jahrelang haben sie alles bewertet, doch vor einer Festlegung in eigener Sache hüten sie sich. Aber ich weiß, dass sie im Stillen diesen Artikel benoten werden. Dem Lateinlehrer K. wird er zu privat sein. Dem Erdkundelehrer H. zu sentimental. Die Sportlehrerin L. wird trotz allem lachen. Dem Biolehrer G. wird er hoffentlich am Arsch vorbeigehen. Und der Deutschlehrer Z. wird denken, auf diesen drei Zeitungsseiten hätte man besser über das Unrecht in der Welt berichtet.