Herr K. gehörte zu den älteren Lehrern. Zu jenen, von denen wir Schüler wenig wussten. Was für eine diebische Freude, wenn wir nach der sechsten Stunde ins Hauptpostamt liefen, Telefonbücher wälzten und so ihre Vornamen rausbekamen: "Der K. heißt Peter!" – "Und der H. Franz Josef!" Für Charakterstudien hatten wir auch den Lehrerparkplatz: Da stand der knallrote Opel GT des Herrn K., dieses Junggesellencoupé, wie eine kleine Undiszipliniertheit zwischen den Vernunftkombis der Kollegen.

Jetzt bin ich mit Google Maps über ihre Reihenhäuser geflogen und in ihren Gärten gelandet. Und ich weiß seit Tagen, dass Herr K. in diesem Haus im Stadtteil Stiepel lebt. Dort, wo Bochum grün und schön ist.

In seiner Wohnung Orientteppiche. Ein schwarzes Ledersofa und weiße Bücherregale voller Kafka, Goethe, Hebbel, Mann und Fontane. Auf einem gläsernen Couchtisch die Frankfurter Allgemeine, sorgsam ausgeschnitten ein Artikel mit der Überschrift Nivellierung der Ansprüche .

Mit roten Keramiktassen kommt Herr K. ins Wohnzimmer. Rot wie sein GT. Sind Sie eigentlich oft geblitzt worden?

"Früher häufiger!"

In der nächsten Stunde erzählt der Lateinlehrer K. sein Leben, jovial und ironiegetränkt. Ehe er auf Lehramt umstieg, hatte er schon acht Semester Archäologie studiert. Als die 68er die Hörsäle stürmten, war Herr K. endlich ins Examen vertieft. "Und dann hab ich irgendwann auch einen Abschluss gemacht", sagt er. Als junger Lehrer ging er jahrelang zum VfL Bochum ins Ruhrstadion.

Aber Sitzplatz, oder?

"Stehplatz."

Als Lateinlehrer war Herr K. so etwas wie der Schulbeauftragte für Sekundärtugenden. Gehorsam, Fleiß, Genauigkeit. Ablativus absolutus und Ablativus separativus. Welche Angst wir vor ihm hatten. Allein das Abfragen an der Tafel. "Beliebt hab ich mich damit nicht gemacht", sagt Herr K., "aber ich habe gehofft: Wenn ihr’s da vorne schafft, schafft ihr’s auch in der nächsten Arbeit." Herr K. war keine 50 damals und wirkte dennoch alt mit seinem alten Fach an einem Gymnasium, das sich als modern verstand. Herr K. hatte nicht nur die faulen Schüler gegen sich. An den Elternsprechtagen forderten Mütter und Väter, doch zeitgemäß die Pubertät der Kinder zu berücksichtigen. Eine Kollegin des Lateinlehrers K. hat eine Fünf ihrer Tochter angefochten, bis hinauf zum Regierungspräsidenten. In den Zeugniskonferenzen sagte der Rektor, er solle nicht so schlechte Noten geben.

Jetzt sitzt Herr K. auf seiner Couch, und ich merke: Ich kannte sein Gesicht gar nicht im Profil. Nur von vorne. Er machte ja Frontalunterricht.

Ein paar Fußball-Anekdoten hätten ihm sicher Lacher gebracht, Beliebtheit, wie sie seinen jüngeren Kollegen zuflog. Aber Herr K. sagt, er habe Anbiederung für "trügerisch" gehalten. "Latein war ja auch keine Sache der Auslegung." Das Kräftemessen mit den Möchtegernrevoluzzern in den Siebzigern und Achtzigern? Ein Spaß! Später der Kampf um die Kinder der Alleinerziehenden, die Opfer gescheiterter Ehen, der habe ihn belastet, sagt Herr K.: "Die kommen nach Hause und finden keinen, dem sie sagen können: Der K. ist bescheuert." Was sollte er tun? Die Ansprüche nivellieren? Nein. Eine Fünf blieb eine Fünf. Seinetwegen haben Kinder die Schule gewechselt. Aber nach seiner Pensionierung hat er dann kostenlos Nachhilfe gegeben.

All die Jahre in der Schule, das begreife ich jetzt, hat er sich hinter einer Rüstung verschanzt. "Ich hab geglaubt, euch sei mit Autorität mehr geholfen", sagt Herr K., "ob das mir selbst nützt oder schadet, darüber hab ich nicht nachgedacht." Er hielt es mit den Epikureern: Lebe im Verborgenen. 40 Jahre lang. Was für ein Kraftakt.

Soll man ihn für diese Disziplin bewundern oder bedauern? Dafür, dass der Mensch hinter dem Lehrer unsichtbar blieb? Oder wird er sich freuen, wenn ein Schüler im Nachhinein ahnt: Lehrersein ist mehr Geben als Nehmen. Dem Ingenieur bleiben seine Patente, dem Architekten die Häuser – dem Lehrer nur Fragen: Haben die Schüler etwas gelernt, etwas mitgenommen, etwas daraus gemacht? "Vielleicht habe ich einem Schüler auch sein Leben verbaut", sagt Herr K.

Er wird es nicht erfahren. Die Schüler verschwinden ja einfach. "Und ich erkenne sie Jahre später nicht wieder – die können in der Fußgängerzone an mir vorbeilaufen. Manchmal aber fragt mich plötzlich jemand: Kennen Sie mich noch?" Es kann im Wartezimmer beim Arzt passieren oder im Elektronikfachmarkt, ratlos vor Satellitenreceivern. Meistens in Momenten, in denen der Lehrer ohne seine alte Autorität dasteht.

Herr K. sagt, er freue sich trotzdem jedes Mal.

Herr K. war 30, als im September 1970 das Albert-Einstein-Gymnasium eingeweiht wurde und die Westdeutsche Allgemeine Zeitung jubelte: Die Zukunft beginnt! Bochum, die Stadt der sterbenden Bergwerke, hatte eine Universität bekommen. Jetzt sollte eine Schule für die Töchter und Söhne der Akademiker und Arbeiter her. Die Architekten entwarfen eine Art Campus für Kinder, lichte Bildungsbaukästen: Aula, Musiksaal, Naturkundetrakt, Schwimmbad, Dreifachturnhalle – wie mit leichter Hand über die Brache einer alten Ziegelei gewürfelt.

Es war eine von vielen neuen Schulen im Land, die mit neuem Personal und neuer Pädagogik gefüllt werden sollten: menschlicher, näher an den Kindern, nicht mehr von oben herab. Also hatte auch die Architektur nichts Drohendes, Herrschaftliches. Ihr Zentrum war die Pausenhalle für die Schüler. Das Lehrerzimmer lag darunter.