Den Zeitungsschlagzeilen zufolge befand sich die Welt gerade auf einem Selbstfindungstrip zwischen Moderne und Tradition, Frieden und Terror, Sozialismus und Wohlstandsrausch: Allende gewinnt Präsidentenwahl in Chile, IG Metall rechnet mit 12% Lohnerhöhung, Arabische Luftpiraten entführen drei Flugzeuge, Opel stellt neuen Mittelklassewagen "Manta" vor.

Als ich 1982 aufs Gymnasium kam, stand auf meinem Pult "To be or NATO be". In der Pausenhalle demonstrierten langhaarige Oberstufenschüler gegen die Nachrüstung, trugen aber Bundeswehrparkas. Sie fanden Helmut Schmidt schlimm, Helmut Kohl allerdings noch schlimmer. Gerade hatte Nicole mit Ein bisschen Frieden den Grand Prix gewonnen. Wann immer ein Hubschrauber über die Stadt knatterte, warf sich unser Klassenclown Rafael unter den Tisch und rief: "Die Russen kommen!"

Was für eine wohlige Gleichzeitigkeit von Weltuntergangsstimmung und Lebenslust: Wir hatten Lehrer, die sagten, Wirtschaftswachstum sei nicht alles, und Lehrer, die alle zwei Jahre mit einem neuen, größeren Auto auf den Schulparkplatz fuhren. Wir hatten Lehrer, die den Eindruck erweckten, das Ende der Welt sei nahe, und Lehrer, die von montags bis freitags ihr Surfbrett auf dem Dachgepäckträger ließen. Einer heiratete die Tochter seiner Kollegin, die Ehe scheiterte vor den Augen der Schulgemeinde. Als die Grünen 1983 in den Bundestag einzogen, war unter den Abgeordneten einer unserer Lehrer. Als 1991 der Golfkrieg losbrach, ließ der ziegenbärtige Mathelehrer uns aus Protest in der Recheneinheit "Leichensäcke" rechnen. Die Sozialwissenschaftslehrerin legte uns Artikel aus der taz vor, der Erdkundekollege Ausschnitte aus dem Rheinischen Merkur .

Dann kam Herr Z., unser neuer Deutschlehrer. Seine schweren Augenlider ließen mich an die Schwermut der Barlach-Engel denken, die wir in Kunst besprachen, doch sein verschmitztes Lächeln hob den Eindruck der Melancholie wieder auf. Er sprach so leise im lauten Wettbewerb der Meinungen, dass wir ihm fasziniert zuhörten.

Die erste Arbeit, die er uns in der neunten Klasse schreiben ließ, war eine Argumentation: "Soll ein Jugendlicher (ca. 15 Jahre) seinen Urlaub eher mit der Familie oder mit einer Jugendgruppe verbringen?" Da fragte jemand nach uns, nach unserer Meinung.

Herr Z. entstammte einem Milieu, für das mir damals noch der Name fehlte: dem "linksalternativen". Er machte anderen Unterricht. Er bewegte sich durch die Klasse. Er war als Mensch präsent. So wurde zwischen Heinrich Manns Untertan und Musils Törleß auch seine Weltsicht sichtbar: Jeder Krieg war falsch, jeder Zuwanderer willkommen, jede Hungersnot in Afrika Schuld des Nordens. Bald schrieb ich selber mit schwarzem Edding "Sonne statt Reagan" auf die Tische.

Zu Beginn des Golfkriegs rief Herr Z. die Schüler in die Aula, wo ich mit einigen Klassenkameraden Wolfgang Borcherts Antikriegsmanifest Dann gibt es nur eins! von der Bühne skandierte: "Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!"

Herr Z. wohnt heute in einer alten Bergarbeitersiedlung, bei Google Street View ist sein Haus verpixelt . Noch an der Haustür sagt er: "Sie sind aber auch älter geworden." Seine Stimme ist ein wenig dünner als damals, als habe er sie in der Schule gelassen. Er hat noch immer diese Barlach-Augen. Er weiß, warum ich da bin, und spielt beim Abgleich zwischen dem Früher und dem Heute einfach mit. Er verfolgt mich mit skeptischen Blicken. Er merkt: Ich spioniere in seinem Leben. Sehe das Gedicht an der Wand, den Radwechsel von Brecht. Paul Austers Roman Unsichtbar auf dem Couchtisch. Die gerahmten Bilder, die ihn und seine Frau beim Theaterspielen zeigen. Den tiefen Garten mit den knorrigen Bäumen.

Und ich merke: Er hat mich gegoogelt.

Tut es eigentlich weh, wenn die eigene Schule abgerissen wird?

"Es tut nicht weh um das Gebäude an sich", sagt Herr Z., "aber darum, dass es nach 40 Jahren schon so marode ist, dass es abgerissen werden muss."