Herr H. ließ uns im Diercke-Atlas die Städtenamen hinter der auffallend gestrichelten Linie zwischen BRD und DDR lernen, weil er diese Linie für ein inakzeptables Ärgernis hielt. "Den Kampf gegen die Nachrüstung habe ich nicht im Einklang mit dem Bildungsauftrag des Gymnasiums gesehen", sagt er jetzt. Und gegen die Projektwochen sei er "wegen pädagogischer Ineffizienz" gewesen. Zur Fußball-Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer ging Herr H. auf die Fanmeile. "Das Spiel wird erst dann interessant, wenn Deutschland dabei ist", sagt er. Er passt ganz gut ins Heute.

Es geht durch stille Straßen in ein Wäldchen, in dem er den Hund von der Leine lässt. "Die Hysterie damals, die schien mir doch überzogen zu sein", sagt Herr H. Er spricht präziser, als ich ihn in Erinnerung hatte. Als sei er an der Schule mehr Zeuge als Beteiligter gewesen. Er sagt: "Der Lehrerberuf ist von manchen als Treibriemen des politischen Fortschritts verstanden worden. Das steckt im Selbstbild des Lehrers: auf die Zukunft vorzubereiten. Das macht ihn ideologieanfällig." Und: "An der Schule herrschte eine Kleider-Unordnung, die der Wertschätzung des Gymnasiums nicht entsprach."

Herr H., eines von zehn Kindern eines katholischen Volksschullehrers aus dem Münsterland, hielt mit einfachem Windsorknoten und stillem Gottvertrauen dagegen. Hat die Zeit ihm recht gegeben? Oder wäre das Land nicht so, wie es ist, wenn der laute Biolehrer G. und der leise Deutschlehrer Z. nicht mahnend die Hand gehoben hätten? Sie zogen aus dem Weltgeschehen Schlüsse fürs Private, der Erdkundelehrer H. schloss von seinem privaten Wohlergehen aufs Weltgeschehen. In diesem Wechselspiel war seine Zuversicht so lehrreich wie der Zweifel der Kollegen. Und sie hat ihn gut durch die Jahre getragen, das wird deutlich bei seinem Spaziergang, auf dem sich Herren und Hunde begegnen, der Postbote grüßt und er von seinem Garten, seiner Volleyballgruppe, seinen drei Töchtern und sieben Enkeln erzählt. Es ist ihm wichtig, zum Abschied noch zu zeigen, was er für den nächsten Besuch der Enkel im Wohnzimmer aufgestellt hat: eine Familie von Playmobil-Pferden.

Vier Wochen nachdem die Bagger kamen, ist vom Albert-Einstein-Gymnasium in Bochum nichts mehr übrig. Erst jetzt verstehe ich wirklich, was mich an diesen Ort zurückgezogen hat: Hier war so viel guter Wille. So viel Herzblut. So viel Kraft und so viel Kräfteverschleiß. Es gab ein Kollegium in einer bunten Mischung, wie sie heute selten ist. Es gab Verlierer, ausgerechnet unter den enthusiastischen Lehrern, die so viel von sich und uns erwartet haben. Und es gab Gewinner, vor allem unter uns Schülern, die von all den Linken und Rechten, den Besorgten und Unbesorgten vorn an der Tafel mehr fürs Leben gelernt haben, als das unter einem grauen Heer gleichgültiger Lehrer der Fall gewesen wäre. Jetzt ist sie weg, meine Schule, und mit ihr ist auch das Land verschwunden, zu dem sie gehörte: die alte Bundesrepublik. Ohne Krieg, ohne Revolution, fast unbemerkt ist sie abhandengekommen – und hat einige meiner Lehrer mitgenommen.

Welche Note sich die, die noch da sind, wohl für ihr Lehrerleben geben würden?

Der Biolehrer G. sagt: "Gab bessere, gab schlechtere. Würde sagen, eher Zwei als Drei."

Der Erdkundelehrer H. sagt: "Zwei bis Drei."

Der Lateinlehrer K. sagt: "Bemüht habe ich mich. Aber ob ich durchgedrungen bin? Ich würde mir wünschen: Drei bis Zwei."

Der Deutschlehrer Z. sagt: "Die Frage kann ich nicht ernsthaft beantworten."

Nur die Sportlehrerin L. meint: "Ich glaub, ich bin eine gute Lehrerin."

Jahrelang haben sie alles bewertet, doch vor einer Festlegung in eigener Sache hüten sie sich. Aber ich weiß, dass sie im Stillen diesen Artikel benoten werden. Dem Lateinlehrer K. wird er zu privat sein. Dem Erdkundelehrer H. zu sentimental. Die Sportlehrerin L. wird trotz allem lachen. Dem Biolehrer G. wird er hoffentlich am Arsch vorbeigehen. Und der Deutschlehrer Z. wird denken, auf diesen drei Zeitungsseiten hätte man besser über das Unrecht in der Welt berichtet.