Da sind sie alle, seit 20 Jahren konserviert auf diesem Bild. Der Fotograf hatte sie in die Pausenhalle gerufen, wahrscheinlich nachmittags, vor einer Konferenz. Folgsam wie Schüler posieren meine Lehrer in aufsteigenden Reihen vor einem blassblauen Vorhang: Herr K., Latein. Herr Z., Deutsch. Frau S., Mathematik. Der blonde P., der sich immer für schöner hielt, als er war. Und G., der Clown! Ganz hinten zieht er seine Grimassen.

Erstaunlich, wie die Zeit Erinnerungen sortiert. Ich blicke in 50 Gesichter, und zu vielen finde ich keine Namen mehr. Bei einigen sind mir Fächer in Erinnerung geblieben, bei anderen Charakterzüge. Manchen spendiere ich ein "Herr..." oder "Frau...", anderen lasse ich nur ihre Nachnamen, als seien sie mehr Marke als Mensch gewesen.

Was für ein haariges, struppiges Kollegium! Allein die Bärte. Und diese dicken, grob gemusterten Strickpullover. Aber da ist noch etwas auf diesem Bild: In einigen Gesichtern meiner Lehrer entdecke ich eine Verletzlichkeit und Scheu, die ich als Schüler niemals wahrgenommen habe. Auch Jugend. Die Jüngsten unter ihnen waren damals nicht älter, als ich es heute bin, 38.

Es war eine kleine Meldung, die vor wenigen Wochen Erinnerungen aufwirbelte wie alten Staub, mich eine Zugfahrkarte lösen ließ und dazu brachte, dieses fast vergessene Foto zu betrachten. Zu Hause, las ich, wird gerade meine alte Schule abgerissen.

Das Albert-Einstein-Gymnasium in Bochum. Ein Ensemble von "Zweckbauten", wie man heute sagt und wie es so viele in Deutschland gibt. Nur 40 Jahre nach der Einweihung, 20 Jahre nach meinem Abitur, verschwindet es wieder. Die Aula ist schon weg, als ich in meine Kindheitskulisse zurückkehre, ihre bunte Betonfassade zerborsten. Bagger nagen am Hauptgebäude. Der Schulhof, diese Probebühne für das Leben, liegt verschüttet unter Trümmern. Durch die Abrissruinen staksen Männer in weißen Schutzanzügen. Sie tragen Atemmasken, kratzen Fugen aus, schaben an Wänden. Die Gebäude waren mit PCB belastet, mit "polychlorierten Biphenylen" – ich wüsste nicht, dass die jemals Thema in Chemie gewesen sind.

Wenn eine Schule verschwindet, dann verschwindet ein Ort, an dem sich Tausende Lebenslinien kreuzten, meist zufällig, manchmal unfreiwillig. Ein Haus, in dem Ideale postuliert, pädagogische Konzepte geprobt, Gewissheiten ausgerufen und verworfen wurden – in diesen 40 Jahren, in denen der Kommunismus starb und der Wald sich erholte, in denen auf- und abgerüstet wurde, in denen wir die Worte Wimbledon und Tschernobyl zu buchstabieren lernten, in denen die D-Mark verschwand und der Kapitalismus beinahe kollabierte, in deren Mitte die deutsche Einheit liegt wie ein zeitgeschichtliches Scharnier. Und in denen – das verstehe ich erst heute – die Schule für uns Schüler nur eine Durchgangsstation war, die wir im Abiturtriumph verließen. Für die Lehrer aber ein Ort, an dem sie blieben.

Was hat die Zeit aus ihnen gemacht? Wo hat das Leben ihnen, die richtig und falsch unterschieden, recht gegeben? Und wo hat es sie widerlegt?

SALVE steht auf seiner Fußmatte. Genau das, was ich erwartet hatte von Herrn K., Lehrer für Latein und Deutsch, der mit seinem braunen Backenbart aussah wie die römischen Soldaten in meinen Asterix- Heften. Herr K. war der erste Lehrer, bei dem ich eine Fünf schrieb. Siebte Klasse, erste Arbeit. Unter wütenden Tränen trug ich das schwarze DIN-A5-Heft – liniert, mit Rand – nach Hause. "Nach welchem Satzglied fragen wir mit quem oder quid? Übersetze: Syrus servus per hortum ad villam parvam currit!" Alle paar Wochen neue Rätsel auf säuerlich riechendem Matrizenpapier. Unter den Arbeiten Kommentare wie "Ohne Vokabelkenntnis kann man nicht präzise übersetzen, Henning!".

Mit etwas Abstand muss ich sagen: Stimmt.

Die Tür geht auf. Die Zeit hat seinen Bart gebleicht und sein Gesicht ein wenig spitzer geschliffen. Herr K. muss jetzt 70 sein.

"Ja, hallooo, komm rein!", sagt er. "Wenn sich mal ’n Schüler bei mir meldet, freu ich mich wie’n Hund vorm Knochen!"

War Herr K. damals auch so schmal? In der Erinnerung an die Kindheit ist ja alles größer: der Garten, der Spielplatz, der Rodelberg – vor allem die Lehrer. Und sprach er damals auch dieses kehlige Ruhrpottdeutsch? Ich hatte ihn anders im Ohr: kühl, korrekt. Den kleinen roten Lehrerkalender immer griffbereit, um nach dem Abfragen der Vokabeln die nächste Zwischenzensur zu notieren.

Es könnte das Alter sein oder die Aufregung, dass da ein Fremdvertrauter in seiner Garderobe steht, die Herrn K. sich räuspern lässt, ehe er fragt: "Kaffee? Milch? Zucker?" Aus der Küche ruft er dann, er sei "hocherfreut" über den Besuch: "Zeigt doch, dass die Schüler unter mir nicht nur gelitten haben. Wenigstens im Rückblick nicht!"