Jungs, es wird teurer – Seite 1

Männer, jetzt heißt es stark sein. Es ist nicht so, wie alle glauben. Frauen leben nicht länger als Männer – Männer sterben nur früher. Das ist der wahre kleine Unterschied zwischen den Geschlechtern.

Es könnte daher sein, dass sich bei Versicherungen künftig einiges ändert. Demnächst entscheidet der Europäische Gerichtshof darüber, ob es rechtens ist, dass Männer und Frauen unterschiedlich viel für ihre Policen bezahlen. Besonders bei Kranken-, Kapitallebens- und privaten Rentenversicherungen macht der kleine Unterschied ein paar Zehntausend, manchmal sogar Hunderttausend Euro aus, die die Frau mehr bezahlen muss. Sie lebe länger, sie verursache somit höhere Kosten oder kassiere länger Rentenzahlungen, so die Begründung bisher. Darum müsse sie mehr einzahlen oder sich mit geringeren Auszahlungen zufrieden geben. Das lange Leben der Frau ist laut Versicherungsbranche ein Naturgesetz, damit rechnet sie.

Belege dafür gibt es nicht. Frauen haben nicht die besseren Gene oder biologische Vorteile. Vielmehr könnten beide Geschlechter gleich alt werden, wenn die Männer nur einen gesünderen Lebensstil pflegten. Wenn sie weniger rauchen und weniger Alkohol trinken würden, wenn sie sich weniger Stress bei der Arbeit aufhalsten und häufiger zum Arzt gingen. Weil sich Frauen vernünftiger verhalten, werden sie statistisch gesehen älter – und zahlen deshalb mehr Geld.

Das ist alles andere als gerecht, findet Juliane Kokott, Generalanwältin am Europäischen Gerichtshof. Sie hielt in ihrem Schlussantrag jüngst fest, dass die versicherungsmathematische Ungleichbehandlung, die allein auf dem Faktor Geschlecht beruhe, "mit dem Grundsatz der Gleichbehandlung von Männern und Frauen nicht vereinbar" sei.

Das Urteil des Gerichtshofs steht noch aus. Sollten die Richter aber, wie in drei von vier Fällen üblich, dem Votum der Generalanwältin folgen, müsste die Versicherungsbranche europaweit Unisextarife einführen, bei denen Männer und Frauen gleich viel bezahlen. Für Männer würden Versicherungen also teurer, für Frauen dagegen billiger.

Genau das hatte die Europäische Union schon 2004 mit ihrer Richtlinie zur Gleichbehandlung für alle Dienstleister erreichen wollen. Doch fügte sie damals auf den Widerstand der deutschen Regierung eine Ausnahmeklausel für die Versicherer ein: Einzelne Mitgliedsstaaten könnten verfügen, "Unterschiede bei den Prämien und Leistungen dann zuzulassen, wenn die Berücksichtigung des Geschlechts bei einer auf relevanten und genauen versicherungsmathematischen und statistischen Daten beruhenden Risikobewertung ein bestimmender Faktor ist". Auf gut Deutsch: Bestimmt das Geschlecht über Lebenserwartung und Krankheitskosten und können Versicherer dies nachweisen, dürfen sie weitermachen wie bisher. Das aber bezweifeln Kritiker.

Immer wieder behaupteten die privaten Krankenversicherer, dass Frauen rund 40 Prozent höhere Kosten verursachten als Männer, ohne entsprechende Daten dafür vorzuweisen, beklagte der Bremer Professor Heinz Rothgang schon 2005 in einem Gutachten im Auftrag des Bundesfamilienministeriums. Er fand auch keinen Beleg dafür, dass Unterschiede in der Sterblichkeit die verschiedenen Prämien von Mann und Frau bedingen: "Die hier vorgelegten Berechnungen zeigen nur einen sehr geringen Effekt der unterschiedlichen Lebenserwartung von Männern und Frauen." Demnach hätten die privaten Kassen die Männer- und Frauentarife aufgrund der Gleichbehandlungsrichtlinie aneinander anpassen müssen. Kontrollieren könne das aber niemand, weil sich keine Versicherung wirklich in ihre Zahlenwerke gucken lasse, sagt Sibylle Raasch, die als Professorin für Sozialökonomie und Recht die Umsetzung der Richtlinie verfolgt.

Der Deutsche Juristinnenbund hegt denn auch ernste Zweifel. Stichproben lassen vermuten, dass die Krankenversicherer weder umgedacht noch neu gerechnet haben. Darum schrieb der Juristinnenbund das Finanzministerium und die Finanzaufsicht BaFin an. Das Ministerium bedauerte: "Die Folgen der Neuregelungen der Beitragshöhe sind für die Versicherten leider kaum nachvollziehbar." Das Gesetz lasse viel "Raum für unternehmensindividuelle Abweichungen. Der Preis für dieses Verfahren ist ein Weniger an Transparenz, da nur die Aufsichtsbehörde die konkreten Umsetzungsmaßnahmen überprüfen kann." Die Aufsicht wiederum antwortete, es gebe "keinen Anlass zu Beanstandungen", räumte aber gleichzeitig ein: "Änderungen der Beiträge in der Krankenversicherung" seien von ihr "nicht zu genehmigen". Nur eines ist für die BaFin klar: Es gebe eben "erhebliche Geschlechtsunterschiede bei der Mortalität".

 

Wissenschaftler, die in 22 Industrieländern nach Gründen dafür gesucht haben, sehen in der unterschiedlichen Lebenserwartung eben aber keine Gesetzmäßigkeit. Das lange Leben der Frauen und das frühe Sterben der Männer "ist kein geschlechtsspezifisches Merkmal, sondern ein behavioristisches", sagt der Wiener Demografieforscher Marc Luy. Lebensstil, Einkommen, Beruf, Familienstand und soziale Kontakte begründen den kleinen Unterschied, der im Schnitt sechs Jahre ausmacht. Auch zwischen Beamten und Arbeitern, Abiturienten und Hauptschülern klafft ein Abstand von sechs Jahren. "Und ein verheirateter Professor lebt im Schnitt länger als eine alleinstehende Arbeiterin", sagt Rechtswissenschaftlerin Ute Sacksofsky.

Ab einem bestimmten gesellschaftlichen Status verschwindet die Lücke zwischen Mann und Frau, hat Marc Luy herausgefunden. Auch wenn man die Raucher und Unfalltoten aus der Statistik herausrechnet, die vorwiegend Männer sind, seien die Sterblichkeitsunterschiede zwischen Männern und Frauen "völlig verschwunden". Paola Di Giulio vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung folgert: "Es scheinen nur bestimmte Gruppen der männlichen Bevölkerung für die geringere Lebenserwartung von Männern verantwortlich zu sein." Männer seien besonders häufig "aktive Lebemenschen", also übergewichtige Vielarbeiter und Raucher, oder "Nihilisten", korpulente Nichtsportler, die keine Gesundheitsvorsorge betrieben. Diese drücken den statistischen Durchschnittswert.

Warum aber, fragen Gegner der Unisextarife, sollten Männer künftig mehr bezahlen und so die Frauentarife subventionieren? Angesichts der wissenschaftlichen Befunde müsste man allerdings andersherum fragen: Warum sollen Frauen weiter mit höheren Beiträgen den Leichtsinn der Männer subventionieren?

Weil es einfacher und billiger ist, die Welt in Mann und Frau einzuteilen, als Beruf, Gewicht und Lebensgewohnheiten abzufragen, so die pragmatische Antwort der Versicherer. Falle der Faktor Geschlecht künftig zur Berechnung von Risiken weg, müssten etwa Rentenversicherungen genau diejenigen mit höheren Beiträgen bestrafen, die gesünder – und vermutlich länger – lebten. Den Kunden wäre das kaum zu vermitteln, befürchten Versicherungsmathematiker. "Die Versicherer werden sich das nicht trauen", hofft Juristin Sacksofsky und plädiert für den Einheitstarif.

Die Branche hält dagegen: Unisextarife nützten am Ende keinem, weil Einheitstarife mit größeren Sicherheitspuffern kalkuliert würden. "Dann werden alle die höheren Frauentarife bezahlen", fürchtet Mathematiker Dietmar Pfeifer von der Uni Oldenburg. Erstens könnte es bei Altverträgen vom Vertragsrecht her problematisch sein, die Beiträge anzuheben, mutmaßen Juristen. Zweitens würden Männer massenhaft aus den Policen fliehen. Rentenversicherungen würden unkalkulierbarer für die Anbieter, das System drohte zu kollabieren.

Mehr als Säbelrasseln ist das nicht. In anderen Ländern gibt es längst Unisextarife, auch bei der Riester-Rente wurde sie zwischenzeitlich eingeführt, ohne dass dies die Anbieter in Bedrängnis gebracht hätte. Im Gegenteil: Männer riestern fleißig weiter. Auch wenn sie, wie die Universität Mannheim herausfand, im Schnitt sieben Prozent mehr zahlen als zuvor, während Frauen ein Prozent sparen.