Wissenschaftler, die in 22 Industrieländern nach Gründen dafür gesucht haben, sehen in der unterschiedlichen Lebenserwartung eben aber keine Gesetzmäßigkeit. Das lange Leben der Frauen und das frühe Sterben der Männer "ist kein geschlechtsspezifisches Merkmal, sondern ein behavioristisches", sagt der Wiener Demografieforscher Marc Luy. Lebensstil, Einkommen, Beruf, Familienstand und soziale Kontakte begründen den kleinen Unterschied, der im Schnitt sechs Jahre ausmacht. Auch zwischen Beamten und Arbeitern, Abiturienten und Hauptschülern klafft ein Abstand von sechs Jahren. "Und ein verheirateter Professor lebt im Schnitt länger als eine alleinstehende Arbeiterin", sagt Rechtswissenschaftlerin Ute Sacksofsky.

Ab einem bestimmten gesellschaftlichen Status verschwindet die Lücke zwischen Mann und Frau, hat Marc Luy herausgefunden. Auch wenn man die Raucher und Unfalltoten aus der Statistik herausrechnet, die vorwiegend Männer sind, seien die Sterblichkeitsunterschiede zwischen Männern und Frauen "völlig verschwunden". Paola Di Giulio vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung folgert: "Es scheinen nur bestimmte Gruppen der männlichen Bevölkerung für die geringere Lebenserwartung von Männern verantwortlich zu sein." Männer seien besonders häufig "aktive Lebemenschen", also übergewichtige Vielarbeiter und Raucher, oder "Nihilisten", korpulente Nichtsportler, die keine Gesundheitsvorsorge betrieben. Diese drücken den statistischen Durchschnittswert.

Warum aber, fragen Gegner der Unisextarife, sollten Männer künftig mehr bezahlen und so die Frauentarife subventionieren? Angesichts der wissenschaftlichen Befunde müsste man allerdings andersherum fragen: Warum sollen Frauen weiter mit höheren Beiträgen den Leichtsinn der Männer subventionieren?

Weil es einfacher und billiger ist, die Welt in Mann und Frau einzuteilen, als Beruf, Gewicht und Lebensgewohnheiten abzufragen, so die pragmatische Antwort der Versicherer. Falle der Faktor Geschlecht künftig zur Berechnung von Risiken weg, müssten etwa Rentenversicherungen genau diejenigen mit höheren Beiträgen bestrafen, die gesünder – und vermutlich länger – lebten. Den Kunden wäre das kaum zu vermitteln, befürchten Versicherungsmathematiker. "Die Versicherer werden sich das nicht trauen", hofft Juristin Sacksofsky und plädiert für den Einheitstarif.

Die Branche hält dagegen: Unisextarife nützten am Ende keinem, weil Einheitstarife mit größeren Sicherheitspuffern kalkuliert würden. "Dann werden alle die höheren Frauentarife bezahlen", fürchtet Mathematiker Dietmar Pfeifer von der Uni Oldenburg. Erstens könnte es bei Altverträgen vom Vertragsrecht her problematisch sein, die Beiträge anzuheben, mutmaßen Juristen. Zweitens würden Männer massenhaft aus den Policen fliehen. Rentenversicherungen würden unkalkulierbarer für die Anbieter, das System drohte zu kollabieren.

Mehr als Säbelrasseln ist das nicht. In anderen Ländern gibt es längst Unisextarife, auch bei der Riester-Rente wurde sie zwischenzeitlich eingeführt, ohne dass dies die Anbieter in Bedrängnis gebracht hätte. Im Gegenteil: Männer riestern fleißig weiter. Auch wenn sie, wie die Universität Mannheim herausfand, im Schnitt sieben Prozent mehr zahlen als zuvor, während Frauen ein Prozent sparen.