Ach ja, fast hätte man es vergessen, die FDP muss auch noch regieren. So intensiv haben die Liberalen zuletzt mit sich selbst gerungen , mit der Frage, ob Guido Westerwelle nun fällig sei oder nicht, dass eine staunende Öffentlichkeit die Partei nur noch als Machtkampfverein wahrnahm und am Ende enttäuscht war. Zuerst bleibt die FDP das Regieren schuldig – und dann den Befreiungsschlag.

Für eine politische Kraft, die ihre Bürgerlichkeit, ihre Werte und Umgangsformen gern ins Schaufenster stellt, war die FDP immer schon verdächtig hinterzimmeraffin. Doch die jüngsten Geheimtreffen, Brandbriefe und Rücktrittsappelle zeichnen sich durch eine Besonderheit aus: Es bleiben nur Verlierer. Ein Parteichef auf Abruf. Ein Möchtegern-Nachfolger, der als potenzieller Königsmörder enttarnt ist. Und eine Schar junger Hoffnungsträger, die von nun an ihre Karrieren unter dem Verdacht betreiben müssen, ihnen mangele es an Mumm und Machtwillen. Vor gut einer Woche hatte die FDP nur einen "irreparabel Beschädigten" (CDU-Umweltminister Norbert Röttgen über Westerwelle) an ihrer Spitze. Jetzt hat sie noch zahlreiche Versehrte in den Reihen dahinter.

Vor allem in jenen Landesverbänden, die vor Wahlen stehen, steigerte sich zuletzt die Wut auf Westerwelle . In Baden-Württemberg forderten zornige Liberale schriftlich den Rückzug des obersten Chefs. In Rheinland-Pfalz bezeichnete ihn der Fraktionsvorsitzende als "Klotz am Bein". Der hessische Landeschef Jörg-Uwe Hahn riet ihm von Angesicht zu Angesicht, den Parteivorsitz niederzulegen. Hört man sich unter Kreisvorsitzenden und Landtagsabgeordneten um, wird der Grund für ihre Wut erkennbar: Westerwelles miserables Image, resultierend aus seinem aggressiven Politikstil.

Die Basis-Liberalen zeigen sich höchst frustriert darüber, dass die Bundesregierung zwar endlich mit der AKW-Laufzeitverlängerung oder dem Aussetzen der Wehrpflicht eine Politik betreibt, die Liberale stets eingefordert haben. Doch sie schlägt sich nur für die Union positiv nieder. Die FDP stürzt ungebremst ab – und landet im Stimmungstrend bei drei Prozent. Eine Erklärung, die man oft hört, bringt ein hessischer Kreisvorsitzender auf den Punkt: "Wir werden als Westerwelle-Partei wahrgenommen – und Westerwelle ist bei den Leuten total durch. Erst wenn er nicht mehr an der Spitze steht, haben wir wieder eine Chance."

Die Stimmung der Rebellion ist von der Basis ins Zentrum durchgeschlagen – und hat bei Wirtschaftsminister Rainer Brüderle erheblichen Kollateralschaden angerichtet. Brüderle wird neben Generalsekretär Christian Lindner und Gesundheitsminister Philipp Rösler als möglicher neuer Parteichef gehandelt . Er ist der einzige FDP-Minister, der sein fachliches Ansehen und seine Popularitätswerte verbessern konnte. Dem Westerwelle-Stellvertreter unterstellen nicht wenige Liberale einen Putschversuch im Stillen.