Wenn kahle Platanen noch mittags lange Schatten auf die Bürgersteige werfen, vollzieht sich in Marseille eine friedliche Belagerung. Dann stehen sie in Hundertschaften Spalier – Heerscharen von Engeln und heiligen Familien, Ochsen und Esel in Reih und Glied, flankiert von buckligen Schafhirten, barfüßigen Zigeunerinnen, ehrwürdigen Notaren und Dorfschulzen mit Bauchbinden in den Farben der Trikolore. Die armen Schlucker und wohlhabenden Citoyens der Provence haben sich in Bretterbuden auf der Canebière, Marseilles historischer Einkaufsstraße, zu einer versteinerten Volksarmee zusammengeschlossen. Aus der weichen Tonerde der heimischen Berge sind sie geformt und im Ofen hart gebrannt. Und obwohl die meisten von ihnen das Gardemaß von sieben oder acht Zentimetern nicht übertreffen, vermögen sie doch, Großes zu vollbringen.

Immer wieder zur Weihnachtszeit verwandeln diese "kleinen Heiligen", die sogenannten Santons, das unsichere Pflaster der Hauptstraße in jene Prachtmeile, die sie im Second Empire unter Napoléon III. war. Ein Sternenhimmel aus blauen Glühbirnen flackert über dem Boulevard, hüllt die teilweise sanierungsbedürftigen Fassaden mit den leer stehenden Wohnungen in gnädiges Licht. Bepelzte, mit Einkaufstaschen beladene Damen zeigen Herz, stecken Bettlern in den Hauseingängen Pistazien und mal eine Münze zu. Vor den Buden der Kunsthandwerker beschwören sie ihre Kinder, die Phalanx der farbenfrohen Tonfiguren ja nicht anzufassen, und greifen selbst mit spitzen Fingern in die Regale. Diese Lavendelpflückerin mit der blauen Schürze am Stand des Ateliers Beaumond, dieser Boulespieler aus dem Hause Jacques Flore – die haben in der Krippe einer besonders emsigen Sammlerin gerade noch gefehlt. Sie findet, dass Krippen wie Bibliotheken sind: "Wachsen müssen sie und immer weiter aufgehen wie ein Hefeteig. Nicht wahr, Monsieur Flore?"

Monsieur Flore hält seine Hand schützend über das Jesuskind

Flore, einer der Aussteller auf dem Santon-Markt der Canebière, bleibt die Antwort schuldig. Ziemlich maulfaul heute, der Meister. Wohl erntet er in diesen Tagen Lob für seine Arbeit, die ihn den ganzen Sommer über in seiner Werkstatt beschäftigt hat. Doch der eisige Mistral verleidet ihm den Außendienst. Schützend hält er seine rot gefrorene Hand über das zarte Jesuskind, das im Wind kräftig zittert. Mit links überreicht er der Kundin einen seiner Césars – die Miniatur des Wirts von der Bar de la Marine, Held aus der menschlichen Marseille-Komödie des Schriftstellers Marcel Pagnol, neun Euro das Stück. "Acht tun’s ausnahmsweise auch", sagt Jacques Flore, nun etwas verbindlicher. "Und was den Hefeteig angeht: Darüber reden wir lieber im Mai. Dann bin ich wieder aufgetaut."

Von den rund 200 Santon-Herstellern der Provence leben 35 in Marseille. Manche dieser Santonniers arbeiten in alteingesessenen Familienbetrieben, andere im Alleingang – so wie Jacques Flore. Er ist einer von denen, die dem traditionellen Krippenpersonal eine modernere Note verliehen haben. Außer den Heiligen und den Bauern in der historischen Festtagskleidung, die sich, mit Geschenken beladen, zu Bethlehems Stall aufmachen, bereicherte er das Repertoire um zeitgenössische Darstellungen, schuf den "Touristen" und den "Fotografen". Auch Christophe Hernandez tüftelt ständig daran, den Bestand zu erweitern. Sein Atelier Arterra liegt im ehemaligen Arbeiterquartier Le Panier, auf dem Hügel westlich des alten Hafens. "Jahrelang habe ich Computer programmiert, bis ich mich entschloss, auf ein handfesteres Metier umzusatteln", sagt der Sohn spanischer Einwanderer. Im Panier ließ er 1996 zwei verfallene Häuser instand setzen und richtete Werkstatt und Laden ein.

Gesetzesbrecher waren sie anfangs alle, "doch ein Provenzale kennt keine Angst"

Den Sommer über ist das labyrinthisch anmutende Viertel eine Attraktion. Dann strömen die Touristen durch die Gassen, in denen der Junge Ivo Livi kickte, bevor er unter seinem Künstlernamen Yves Montand Karriere machte. Ganze Busladungen fallen in der Vieille Charité ein, das einstige Armenhaus der Stadt, das im Zuge eines gewaltigen Sanierungsprogramms zu einem prunkvollen Museum umgestaltet wurde. "Als ich hier meine Werkstatt eröffnete, war ich überzeugt: Der aufstrebende Panier ist der beste Standort", sagt der Santonnier Hernandez.

Zweifel haben sich bei einigen Bürgern eingeschlichen, denen der Wandel des Stadtteils zu langsam vorangeht. Viele Pariser haben ihre schicken Zweitwohnungen schon wieder verkauft. Ein Teil der Bausubstanz ist noch immer in beklagenswertem Zustand. Über feuchte Mauern winden sich uralte Elektrokabel, an den Wänden der teuer restaurierten Häuser machen weniger zahlungskräftige Anwohner ihrem Unmut Luft. "Traum der Reichen, Albtraum der Armen", haben sie auf den frischen Putz gesprüht. Jean-Pierre Gaudin jedoch, Bürgermeister von Frankreichs zweitgrößter Stadt, blickt hoffnungsfroh in die Zukunft. "Marseille wird glitzern wie ein Diamant", hat er angesichts des Projekts Kulturhauptstadt Europa 2013 gerade in einem Interview versprochen. "Aber versprechen kann sich ja jeder mal", meint Christophe Hernandez. Ihm kommt der Winter auf dem Hügel schon jetzt endlos vor. Statt Touristen sieht er nur die grauen Damen mit den Hündchen an seinem Schaufenster entlangtapern.